Kein anderes Erzählformat hat seit der Jahrtausendwende einen ähnlichen Aufstieg erlebt wie die Fernsehserie. Doch während das europäische Kino dem amerikanischen ebenbürtig erscheint, stammten die meistdiskutierten TV-Produktionen in den vergangenen fünf Jahren allesamt aus den USA. Sie hießen Game of Thrones und Breaking Bad, Homeland und Mad Men, Boardwalk Empire und The Newsroom.

Wo bleiben die europäischen Pendants? Wieso müssen vielgelobte Serien wie Borgen und Downton Abbey noch immer als Ausnahmen gelten? Und warum feierte die BBC-Produktion House of Cards erst als amerikanische Adaption ihren Durchbruch? Fehlt es Fernsehsendern und Produktionsfirmen der alten Welt an Mut, an Ideen oder schlichtweg am nötigen Geld? Fragen, die unter Serienfreunden gerne diskutiert werden.

Derweil schickt sich eine weitere Serie an, das europäische Ansehen aufzupolieren. Die italienische Produktion Gomorra wurde bereits in 50 Länder verkauft und wird als Antwort auf The Wire gepriesen. Am Wochenende erlebte sie ihre Deutschland-Premiere im Rahmen des Filmfests München. Von Oktober an wird der Bezahlsender Sky Atlantic HD die zwölf einstündigen Episoden der ersten Staffel im deutschen Fernsehen zeigen, im kommenden Frühjahr dann auch Arte. Die Voraussetzungen für einen Erfolg außerhalb Italiens sind groß: Gomorra basiert auf einem internationalen Bestseller und einem preisgekrönten Film, allein durch ihren Stoff verspricht die Serie höchste Brisanz.

Die Camorra ins Licht zerren

Sie taucht ein in den Alltag der Camorra, organisierter Familienclans im süditalienischen Neapel. Einem Ort, "wo mehr Menschen ermordet werden als irgendwo sonst in Europa, wo Geschäftemacherei und brutale Gewalt unauflöslich miteinander verbunden sind und nur das einen Wert besitzt, was Macht verspricht". So schrieb es Roberto Saviano 2006 in Gomorra. Der Journalist hatte zuvor jahrelang in den Kreisen der Clans recherchiert, sein Buch legte detailliert deren Machenschaften und wirtschaftliche Verstrickungen offen. Saviano nannte konkrete Namen und erhielt daraufhin Morddrohungen. Seither lebt er an ständig wechselnden Orten, nur unter erhöhtem Personenschutz tritt er noch in der Öffentlichkeit auf.

Für das Konzept der Fernsehserie, deren Folgen in Italien bereits jeweils mehr als 1,2 Millionen Zuschauer sahen, ist Saviano selbst verantwortlich. In München stellte er sich den Fragen des Premierenpublikums. Die Freiheit des Einzelnen sei das allerhöchste Gut, sagte er dort, und diese Freiheit habe er durch sein Buch verloren. Es sei ihm damals darum gegangen, Licht auf die Taten der Camorra zu werfen, sie in die Öffentlichkeit zu befördern. Genau das sei auch das Ziel der Serie, sagte Saviano.