ZEIT ONLINE: Herr Ghaffarian – vor knapp acht Jahren haben Sie in Teheran eine illegale studentische Tanzgruppe gegründet und die Willkür der iranischen Sittenpolizei erlebt. Auch weil sie während der sogenannten Grünen Revolution gegen das Regime und Präsident Mahmud Ahmadinedschad protestiert haben. Heute leben Sie in Paris, ihre Geschichte ist gerade unter dem Titel Wüstentänzer verfilmt worden. Wie ist es, die eigene Biografie auf der Leinwand zu sehen?

Afshin Ghaffarian: Richard Raymonds Film ist nicht dokumentarisch. Es ist viel Fiktion dabei. Das, was ich im Iran erlebt habe, sah ein bisschen weniger dramatisch aus.

ZEIT ONLINE: Der Film zeigt unter anderem, wie sie von Paramilitärs stundenlang festgehalten, geschlagen und in der Wüste ausgesetzt werden. Nur weil auf ihrem Studentenausweis der Vermerk "Künstler" stand. Ist tanzen im Iran nur im Verborgenen möglich? 

Ghaffarian: Es gibt kein Gesetz, das Tanzen verbietet. Es wird ja selbst in offiziellen Kreisen getanzt. Auf Hochzeiten, zum Beispiel. Aber es ist immer etwas Anstößiges daran. Selbst das Wort wird nicht gerne benutzt. Statt zeitgenössischem Tanz spricht man von Körperkunst, statt Hip-Hop von Aerobic Sport. Und wer in Teheran Ballettstunden nimmt, macht offiziell rhythmische Sportgymnastik. Wir haben durchaus eine Tanzkultur, wir reden nur nicht darüber.  

ZEIT ONLINE: Woher kommt dieses Tabu? Immerhin gab es vor der Revolution 1979 in Teheran doch ein international renommiertes Nationalballett.

Ghaffarian: Im Grunde war das Tabu immer da. Vor der Revolution kam es von der Gesellschaft selbst, nach der Revolution von den Eliten. Ich glaube, es ist historisch gewachsen. Tanzen wurde immer mit etwas Vulgärem assoziiert, mit Nacktheit, mit Prostitution. Deshalb wird es nie beim Namen genannt.

Schwarz-Weiß-Malerei

ZEIT ONLINE: Im Mai diesen Jahres wurden sechs junge Iraner festgenommen, weil sie zu Pharrell Williams Happy-Song getanzt und Videoaufnahmen davon ins Internet gestellt hatten ...

Ghaffarian: Es war völlig idiotisch, diese Tänzer einzusperren. Aber mich stört auch, wie in Europa über das Thema berichtet wurde.

ZEIT ONLINE: Inwiefern?

Ghaffarian: Es ist ja nicht so, dass gleich ein Helikopter anfliegt, sobald man in Teheran auf der Straße tanzt. Beim Thema Iran wird in den westlichen Medien schnell schwarz-weiß gemalt. Dabei wird die islamische Republik nicht von einer homogenen politischen Kaste regiert. Es gibt eine Vielzahl an Strömungen auch unter denen, die Macht haben. Im Westen wird das stark vereinfacht. Ich habe tatsächlich einen Artikel gelesen, in dem es hieß: "Im Iran darf man nicht glücklich sein." Das geht mir zu weit.

ZEIT ONLINE: Im Film wird eine Jugend gezeigt, die nur im Untergrund frei ist. Sie feiert, experimentiert und diskutiert an versteckten Orten.    

Ghaffarian: Sicher, auch ich habe im Untergrund getanzt. Allerdings ist die Teheraner Underground-Szene von der offiziellen Welt nicht ganz so leicht zu trennen, wie es im Film gezeigt wird. Der Übergang ist nahtlos,  viele Künstler zirkulieren in beiden Welten.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich in dieser verborgenen Welt frei gefühlt?

Ghaffarian: Ja. Zum Beispiel an dem Tag, an dem meine Tanzkompanie ihren ersten Auftritt hatte. Er fand heimlich und mitten in der Wüste statt.


"Ich bin immer noch ein politischer Tänzer"


ZEIT ONLINE: Dieser Auftritt ist auch die Schlüsselszene in Raymonds Film. In den Sanddünen vor Teheran tanzen sie Medea vor einem eingeweihten Publikum – und weit weg vom Reglement der Sittenpolizei.

Ghaffarian: Das war ein besonderer Moment. Wir hatten für einen Augenblick alle konventionellen Wege verlassen. Es war kalt in der Wüste, eine der letzten Winterwochen. Es war ungewohnt, im Sand zu tanzen. Aber an diesem Tag haben wir uns von allen Formen befreit.

ZEIT ONLINE: Im Jahr 2009 haben Sie sich an der grünen Protestbewegung gegen Präsident Ahmadinedschad beteiligt. War auch ihr Tanzen ein Ausdruck von Widerstand?

Ghaffarian: Vor allem ging es mir darum, meine Arbeit als Tänzer zu verteidigen, das, was Tanz mir persönlich bedeutet. So gesehen bin ich auch in Frankreich noch ein politischer Tänzer. Auch dort sträuben sich viele dagegen, meinen Tanz als solchen anzuerkennen. Tanz und Theater werden in Europa viel strenger getrennt als im Orient. Die beiden Genres finden in Frankreich in getrennten Häusern und vor getrenntem Publikum statt, während sie bei uns ganz selbstverständlich zusammen gehören. Ich selbst bin immer noch auf der Suche. Ich habe den Tanz noch nicht entdeckt. Ich bin noch dabei.

ZEIT ONLINE: Wie geht Ihr Weg weiter?

Ghaffarian: Langfristig möchte ich in den Iran zurück. Ich möchte das Thema Tanzen vor Ort anstoßen. In den vergangenen Jahren ist einiges anders geworden. Zum Beispiel habe ich im Jahr 2013 zum ersten Mal in meinem Leben an einer Wahl teilgenommen, weil ich das Gefühl hatte, meine Stimme zählt. Das war 2009 noch anders.