ZEIT ONLINE: Dieser Auftritt ist auch die Schlüsselszene in Raymonds Film. In den Sanddünen vor Teheran tanzen sie Medea vor einem eingeweihten Publikum – und weit weg vom Reglement der Sittenpolizei.

Ghaffarian: Das war ein besonderer Moment. Wir hatten für einen Augenblick alle konventionellen Wege verlassen. Es war kalt in der Wüste, eine der letzten Winterwochen. Es war ungewohnt, im Sand zu tanzen. Aber an diesem Tag haben wir uns von allen Formen befreit.

ZEIT ONLINE: Im Jahr 2009 haben Sie sich an der grünen Protestbewegung gegen Präsident Ahmadinedschad beteiligt. War auch ihr Tanzen ein Ausdruck von Widerstand?

Ghaffarian: Vor allem ging es mir darum, meine Arbeit als Tänzer zu verteidigen, das, was Tanz mir persönlich bedeutet. So gesehen bin ich auch in Frankreich noch ein politischer Tänzer. Auch dort sträuben sich viele dagegen, meinen Tanz als solchen anzuerkennen. Tanz und Theater werden in Europa viel strenger getrennt als im Orient. Die beiden Genres finden in Frankreich in getrennten Häusern und vor getrenntem Publikum statt, während sie bei uns ganz selbstverständlich zusammen gehören. Ich selbst bin immer noch auf der Suche. Ich habe den Tanz noch nicht entdeckt. Ich bin noch dabei.

ZEIT ONLINE: Wie geht Ihr Weg weiter?

Ghaffarian: Langfristig möchte ich in den Iran zurück. Ich möchte das Thema Tanzen vor Ort anstoßen. In den vergangenen Jahren ist einiges anders geworden. Zum Beispiel habe ich im Jahr 2013 zum ersten Mal in meinem Leben an einer Wahl teilgenommen, weil ich das Gefühl hatte, meine Stimme zählt. Das war 2009 noch anders.