Eines Tages steht Detective Sam Tyler vor einer großen Tafel, auf der er sich die Möglichkeiten aufgeschrieben hat, die für seinen Zustand verantwortlich sein könnten: Liegt er im Koma? Befindet er sich auf einem sehr ausgedehnten Drogentrip? Unternimmt er eine Zeitreise? Haben Außerirdische ihn entführt auf einen anderen Planeten? Ist er im Himmel, in der Hölle, im Fegefeuer? Oder, die simpelste Lösung, vielleicht schlicht und einfach geisteskrank?

Es dauert nicht lange, bis Kollegin Annie Norris vorbeikommt, die Tafel betrachtet und umgehend in tiefenpsychologische Erklärungsmuster verfällt. Diese stets wiederkehrenden Freudschen Deutungsversuche eines vermeintlich ausweglosen Zustandes sind – zumindest für den Zuschauer – Teil der Hölle. Und Sam Tyler wird in diesem Augenblick wieder einmal vor Augen geführt: Wo immer er auch ist, so schnell kommt er da nicht heraus.

Life on Mars, das jetzt auf RTL Crime zu sehen ist, lief 2005 und 2006 als Produktion der BBC mit großem Erfolg im englischen Fernsehen. Und wie das bei den Amerikanern manchmal eben ist: Wenn sie es nicht selbst machen, ist es nicht gut; also drehte das Network ABC kurz darauf ein Remake, das allerdings bereits nach der ersten Staffel eingestellt wurde. Das ist nur zum Teil bedauerlich. Im Grunde genommen ist die Idee, auf der Life on Mars fußt, der alte Menschheitstraum von der Zeitreise. Und der Gedanke, man könne in der eigenen Vergangenheit etwas in Ordnung bringen, um die eigentliche Gegenwart instand zu setzen, ist mit Robert Zemeckis’ Back to the Future bereits Mitte der achtziger Jahre auf humoristische Weise abgearbeitet worden.

Zurück in der Vergangenheit

In Life on Mars geht das so: Sam Tyler, Detective bei der New Yorker Polizei (im Original ist es Manchester) wird im Jahr 2008 von einem Auto angefahren, schlägt hart mit dem Kopf auf die Straße auf und bleibt liegen. Das letzte, was er auf seinem Smartphone gehört hat, war David Bowies Song Life on Mars. Als er die Augen wieder öffnet, trägt er ein Hemd mit einem ausladenden Kragen unter einer engen Lederjacke und blickt auf die Zwillingstürme des World Trade Centers. Etwas kann nicht stimmen, ganz und gar nicht.

Zurückgeschleudert in das Jahr 1973 ist Tyler nun mit mindestens drei Aufgaben beschäftigt: Erstens muss er mit seinen neuen Kollegen vom 125. Polizeirevier und deren Ermittlungsmethoden klarkommen. Zweitens muss er seinen Job als Polizist erfüllen und Fälle aufklären. Und drittens muss er ganz nebenbei auch noch herausfinden, was überhaupt mit ihm geschehen ist. Die erste dieser drei Aufgaben ist die mit Abstand reizvollste, zumindest für den Zuschauer. Jason O’Mara, der Sam Tyler spielt, ist ein nicht allzu markanter Darsteller. Das soll vielleicht sogar so sein, schließlich geht es auch um die Verwischung von Identität.

Tylers neuer Chef hingegen, Lieutenant Gene Hunt, ist ein prachtvoller Charakter, den Harvey Keitel in all seinen Facetten zum Glänzen bringt. Hunt ist ein Schwein. Und ein lebender Anachronismus, allerdings nur aus heutiger Sicht. Er ist nicht der harte Bulle mit dem guten Kern, sondern ein knurriger Drecksack durch und durch. Er ist rassistisch und frauenfeindlich (was vor allem Annie Norris, dargestellt von der recht charmanten Gretchen Mol, zu spüren bekommt); er kann Schwule nicht ausstehen, prügelt Verdächtige während Verhören. "Ich hab ein gutes Team", sagt Hunt, "wir ziehen durch die Straßen und fegen den Dreck weg." Was Dreck ist, bestimmt er, und lieber wird einmal zu viel als einmal zu wenig gefegt.

Flashbacks, Visionen, Paralleldimensionen

Überhaupt, die Stadt: Sie ist der zweite Hauptdarsteller, ein verwirrender, quirliger und gefährlicher Moloch, bevölkert und betanzt von Menschen mit Afrofrisuren und bedröhnten Hippies. Tyler bewegt sich darin wie ein Fremdkörper; es scheint, als stünde er stets ein wenig abseits von allem, in einem anderen Licht. "Halten Sie sich von Flugzeugen fern", rät er dem Musiker Jim Croce bei einer zufälligen Begegnung in einem vernebelten Club. Und Croce, der wenige Monate später tatsächlich bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommen wird, entgegnet: "Nimm weniger Drogen."

Bleibt die Suche nach dem Grund für die Zeitreise. Wird selbstverständlich nicht verraten, wabert aber arg raunend durch jede Folge. Mal trifft Tyler seine eigene Mutter (er selbst schläft währenddessen als Kind im Nebenzimmer), mal seinen Vater, mal begegnet er Menschen im Kindesalter, die er Jahrzehnte später als Täter festnehmen wird. Die Ebenen verwischen permanent, Flashbacks, Kindheitserinnerungen, Visionen, Paralleldimensionen. Very mysterious, ein bisschen nervig. Bis Harvey Keitel wieder auftritt und für Ordnung sorgt.

Verbrauch des Autors während der Sendung: Eine Packung Spacecakes und eine Cola light
Persönliche Wertung: Halbe Strecke auf dem Zurück in die Zukunft-McFly-Barometer