Waren es die Kritiker aus der alternativen Szene? Oder doch die Banker selbst, die sehen wollten, wie einer aus ihrem Alltag erzählte? Als der Dokumentarfilm Der Banker - Master of the Universe im vergangenen Herbst in die Kinos kam, lief er in Frankfurt erstaunlich lange. Über viele Wochen hinweg. In einem kleinen Kino in der City. Offensichtlich gab es in Deutschlands Finanzzentrum eine Menge Menschen, die wissen wollten, wie da einer über die Finanzwelt reflektiert. 

Am Dienstag nun konnte jeder, der sich dafür interessierte, den Film auf arte sehen. Wer sich von der späten Uhrzeit – 22.55 Uhr – nicht abschrecken ließ, wurde belohnt mit dem vielleicht besten Film, der in den vergangenen Jahren über die Finanzwelt gedreht worden ist. 

Zu sehen bekamen die Zuschauer erstaunliche Bilder. Master of the Universe spielt in Frankfurt, und nie zuvor ist "Mainhattan" eindrucksvoller inszeniert worden. Anfangs nähert sich der Regisseur Marc Bauder zu sakraler Musik den Kathedralen des Kapitals. Später wandert sein Blick immer wieder langsam über die Skyline, zu Tönen, die eine Ahnung der Katastrophe in sich zu tragen scheinen. Der Katastrophe, die wir erlebt haben. Der Katastrophe, die in Zukunft noch kommen wird. 

Die Türme, die Glasfassaden, die Menschen auf dem Weg zur Arbeit – in klugen, ruhigen Aufnahmen gewinnt Bauder der Stadt am Main eine Weltläufigkeit ab, die überrascht. Durch seine Bilder zieht sich ein Glamour, der sich nicht recht einstellen will, wenn man sich Tag für Tag durch die Häuserschluchten bewegt. Von Anfang an vermittelt Bauder, dass es hinter den Fassaden, in den vielen Büros, um Großes geht. Um Gefährliches

Zugleich schafft er eine Bühne für Rainer Voss. Der Mittfünfziger ist sein einziger Zeuge, sieht man von ein paar eingestreuten Filmausschnitten ab. Sich auf nur einen Protagonisten zu stützen, ist ein Wagnis – doch eines, das sich auszahlt. Voss spart sich all die Polemik, all das Geraune, all die Simplifizierungen, die Filmen über die Finanzwelt oft zu eigen ist und sie manchmal so problematisch macht. Rainer Voss erzählt einfach. 

Über den Wunsch, dazuzugehören und erfolgreich zu sein: "Sie müssen bereit sein, Ihr Leben aufzugeben." Über die amerikanischen Banker, die den Deutschen in den achtziger Jahren zeigten, was alles möglich war. "Wir haben an ihren Lippen gehangen und gedacht, das sind gottgleiche Wesen, die uns da geschickt werden." Über die Händler in den Banken: "Das sind Legehennen." Und über den Druck: "Jedes Jahr zehn Prozent mehr. Wie Du das machst, ist mir egal. I don't care how you do it – das sind Sprüche, die habe ich gehört."

Voss war selbst Investmentbanker. Kein Star wie Alexander Dibelius von Goldman Sachs, aber erfolgreich. Über Jahrzehnte. Im Film wird es nicht gesagt, doch Voss hat einst bei der Dresdner Bank, später bei der Deutschen Bank gearbeitet. Seine Spezialität war das Geschäft mit Anleihen, also mit Wertpapieren, über die sich Staaten oder Unternehmen am Kapitalmarkt Geld besorgen. Doch das war nur der simple Anfang. Mit den Jahren wurden die Wertpapiere immer komplexer. Immer abstruser

"Wir reden hier nicht über albanische Hütchenspieler"

Der Mann weiß, wovon er redet, und er redet darüber nüchtern, ohne jede Beschönigung, aber auch ohne seine Arbeit zu denunzieren. Dass die deutsche Wirtschaft früher ein "kuscheliger Kapitalmarktzoo" war, ein anachronistisches, abgeschlossenes System, das nicht für das 21. Jahrhundert gerüstet war, davon ist er bis heute überzeugt. Dass viele Produkte sinnvoll sind, auch wenn Laien sie nicht verstehen mögen, daran hält er fest. Wenn etwas schiefgeht, steckt nicht automatisch Absicht oder Betrug dahinter: "Wir reden hier nicht über albanische Hütchenspieler." Voss ist nicht mehr dabei, doch verraten will er sein altes Leben nicht.  

Regisseur Bauder hat seinen Protagonisten in einem leer stehenden Gebäude im Frankfurter Bankenviertel gefilmt. Das ausgestorbene Foyer, der einsame Fahrstuhl, die allen Interieurs beraubten Räume – schon das Setting vermittelt diese Mischung aus Nostalgie, Trauer und Verwunderung, die einem Blick auf die eigene Vergangenheit meist innewohnt. 

Voss wandelt umher, blickt durch Fenster hinaus, auf die Stadt, in der er einst selbst jeden Tag zur Arbeit ging. Ein, zwei Mal zieht er Grenzen, doch meist sinnt Voss offen seinem Leben hinterher, in den Ohren noch das Klappern der Computer und irgendwo, in den letzten Verästelungen des Körpers, auch noch das Adrenalin des großen Rausches. Er versucht erst gar nicht, die Finanzkrise zu erklären, ihren Ablauf, ihre Ursachen. Nein, die Daten und Fakten setzt Master of the Universe voraus.  

Hier geht es um die Mentalität, die Mechanismen, das Menschliche. Denn es sind Menschen, die entscheiden, keine anonymen "Märkte". Voss erzählt, wie man sich von seinen Freunden entfernt, weil die vom Urlaubsschnäppchen erzählen, während man selbst schon längst 100.000 im Monat verdient. Wie die Bank geschickt die ganze Familie mit einbindet und wie in Die Firma selbst zur Familie wird – ein Schein, dem man sich nur allzu gern hingibt, auch wenn man weiß, dass er trügt. Wie das ist, wenn die Nacht hindurch alle drei Minuten das Telefon klingelt, weil der Headhunter einen zur Konkurrenz lotsen will. Und wenn man nicht mehr dazugehört.  

All das erzählt Voss ohne Larmoyanz. So war das eben, damals. Heute staunt er selbst darüber, doch er kann vermitteln, was ihn und viele andere an dieser Arbeit reizt, bis heute – das Ringen um die bessere Idee, der Wettbewerb, das Gefühl des Sieges. Es ist diese Alltäglichkeit, die den Wahnsinn erst verständlich macht. Erklären. Das will Voss. Das kann Voss. Auf einmal wird auch dem letzten Laien klar, wie Banker denken. Wie Produkte funktionieren. Oder warum deutsche Kommunen in Zinswetten investierten, die sie nicht verstanden. Vieles ist sehr banal, sehr logisch. Da braucht es keine Verschwörung der Banken.   

Andere Dokumentarfilme zeichneten die Finanzkrise nur nach oder verloren sich schnell im Moralischen. Hollywood wiederum liebt das Überzeichnen. Wall Street legte 1987 die Gier der Finanzwelt bloß und schuf zugleich mit Gordon Gekko eine Figur, der Banker bis heute nacheifern. In The Wolf of Wall Street suhlte Martin Scorsese sich jüngst mit Wonne in den Exzessen der neunziger Jahre. Margin Call von 2011 kam wie ein Kammerspiel daher und in seiner klinischen Kälte der Realität noch am nächsten. Masters of the Universe aber zeigt die Realität. Das macht ihn so besonders.  

Der Zuschauer folgt Voss gerne, 90 Minuten lang, gerade weil er nicht auf die Pauke haut. Am Ende, bei der Frage, ob seine Branche aus der Krise gelernt hat, zeigt Voss sich pessimistisch. "War der Schock groß genug? Nein", sagt er – so entschieden, dass nur Staunen bleibt. "Der Schock war groß, aber … Let's get on with it." Es geht weiter.

Verbrauch des Autors während der Sendung: 3 Flaschen Selters, kein Sekt.
Persönliche Wertung: 5 von 5 Sparbüchern