Die Aura von Sonja Berger lässt einen frösteln, wie auch ihre stilvolle Berliner Wohnung. Eisig prüfende Blicke sendet die Schauspielerin aus, ihren Lebensraum bildet ein kühles Interieur aus Schwarz, Weiß und viel Glas. Über allem schwebt eine Atmosphäre der totalen Selbstbeherrschung, des Perfektionismus in jeder Szene des Lebens und Spielens. Vom Taxifahrer erkannt, von Filmemachern wie Liebhabern umschwärmt, scheint sie selbst unsicher, ob sie den Trubel um ihre Person genießen oder ihm misstrauen soll. Denn ihr Leben, so ahnt Berger selbst, besteht nur aus Rollen. Lächeln übt sie vor dem Spiegel.

Nora von Waldstätten verkörpert diese Jungschauspielerin in Götz Spielmanns Oktober November. Ihre blasshäutige, mandeläugige Unnahbarkeit hat sie schon in manchem Film ausgezeichnet. Von der intriganten Mörderin im Tatort bis zur untreuen Marie in der modernen Fassung des Woyzeck: allenthalben schwer zu durchschauende Frauenfiguren. Ihre jüngste Kinorolle verweist ganz beiläufig auf dieses Image, auch dort gibt sie – in Film-im-Film-Szenen – die Gattenmörderin.

Als Sonja Berger die Nachricht aus der Heimat erreicht, ihr Vater habe einen Herzanfall erlitten (sehenswert knarzig: Peter Simonischek), bricht sie auf ins österreichische Bergdorf. Dort betreibt die Schwester den elterlichen Gasthof, seit die Mutter ums Leben gekommen ist und der Vater zu schwach zum Arbeiten. Geblieben ist sie aus Pflichtgefühl, mit ihrem freundlich unbedarften Ehemann und dem schulpflichtigen Sohn.

Die jüngere Sonja hingegen, "immer schon etwas anders", wie man ihr wiederholt attestiert, hat sich für ein glamouröseres Leben entschieden. So recht mag sie nicht ins Gefüge passen, die Abkehr von der Heimat nimmt man ihr deshalb latent übel. "Wir sehen dich nur noch im Fernsehen", sagt der Vater halb im Spaß, halb im Ernst.

Fernab der Großstadt steht die Tochter nicht mehr unentwegt im Mittelpunkt. Stattdessen muss sie wieder lernen, auch mal nach dem Befinden anderer zu fragen. Mit der eingeübten Rolle der spröden Schönen fällt zugleich die Anspannung ab. Die Gesichtszüge werden in der Provinz ganz allmählich weicher, ihr heimisches Idiom verdrängt das Hochdeutsch.

Oktober November besticht kaum durch originelle Wendungen, die Konfliktherde sind vom Zuschauer schnell erkannt. Dass der smarte Landarzt (Sebastian Koch) zum amourösen Ziel beider Schwestern wird, klingt sogar wie ein allzu seichter Dramenstoff. Klischees lauern in der idyllischen Bergwelt, auch im Familientreffen unter schlechten Vorzeichen. Doch Autorenfilmer Götz Spielmann (Die Fremde, Revanche) entgeht ihnen. Er meidet das Überdeutliche, lässt seinen Figuren Raum für Unausgesprochenes, für dezente Gesten. Er setzt auf das Einfühlungsvermögen des Zuschauers.

Hier prallen die gegensätzlichen Lebensentwürfe zweier Schwestern aufeinander, wirklich glücklich wirkt keine von beiden. Das einst so lustige Kind Sonja sucht im Filmgeschäft vergeblich ihr "wahres Ich", einsam kämpft sie gegen Depressionen an. Die große Schwester Verena (Ursula Strauss) trauert derweil vertanen Chancen nach, für eigene Lebenspläne blieb ihr selten Raum. Noch immer raucht sie heimlich, der Vater soll es nicht merken. So unterschiedlich die beiden sind: Die familiäre Liebe bildet ein starkes Band, die Sorge um den Vater festigt es zusätzlich.

"Wenn Papa stirbt, sind wir die nächsten", sagt Sonja in einem Moment der Besinnung. Vieles schwingt darin mit, diffuse Zukunftsangst, auch ein ordentliches Maß an Selbstbezogenheit. Vor allem bedeutet der bevorstehende Tod des Familienoberhauptes für die Schwestern aber eines: Endlich dem langen Schatten des Patriarchen zu entfliehen. Es gilt nun endgültig, den eigenen Wünschen zu vertrauen.

Existenzielle Fragen behandelt Oktober November mit sanftem Understatement, schon der Titel gibt einen Hinweis auf den wohltuend sachlichen Tonfall des Films. Selbst ein spät enthülltes Geheimnis, ein einstiger Seitensprung, führt nicht zu hysterischen Ausbrüchen oder Wutreden. Man geht der Sache nach, ist einander dankbar für das gegenseitige Verständnis.

Ähnlich unaufgeregte Minuten widmet Spielmanns Film dem finalen Todeskampf des Vaters. Der Körper des lebensmüden Mannes wehrt sich in seinen letzten Stunden noch einmal gegen das Sterben. Es ist ein Ende, das nahegeht. Gerade weil es auf Pathos verzichtet und den leisen Grundton des Filmes beibehält.