Es liegt eine besondere Magie in den Momenten, in denen sich zwischen zwei Menschen etwas Besonderes entzündet, in diesem ersten, fragilen Blick, dem eine Verheißung innewohnt, aber noch die Gewissheit fehlt: Wird das Interesse erwidert? Ist man selbst bereit, sich darauf einzulassen? Wie werden Freunde und Familie reagieren?

Kuba und Michal begegnen sich zum ersten Mal bei der Eröffnung einer Kunstausstellung in Warschau, und Kubas wachsame Freundin Silwia wittert augenblicklich eine Gefahr, auch wenn zunächst alles ganz harmlos aussieht. Später wird sie die verschworene Nähe zwischen den beiden Jungs spüren, die leichte Betretenheit, die in der Luft liegt. Immer wieder gelingt es dem polnischen Regisseur Tomasz Wasilewski in seinem zweiten Spielfilm Tiefe Wasser solche betörend flüchtigen Gefühle einzufangen. 

In wenigen Szenen wird Kubas Leben skizziert, der Sex hinter der milchigen Tür der Umkleidekabine, das rhythmische Laufen im Wald, die Tabletten, die er im Vorraum der Umkleide schluckt, die Bahnen, die er im Schwimmbad zieht: Die rigiden Regeln seines Trainings geben ihm eine Struktur und können doch nicht darüber hinwegtäuschen, dass er in diesem Leben nicht wirklich zu Hause ist. 

Betonwüsten im Stadtbild von Warschau

Die Ordnungen sind von außen auferlegt und können die innere Unruhe nicht bändigen, zu vieles erscheint unentschieden und im Umbruch. Eigentlich würde er gerne mit seiner Freundin zusammenziehen, weil dafür das Geld fehlt, kampieren die beiden bei seiner jungen Mutter, die den Sohn immer wieder eifersüchtig und missmutig für sich reklamiert. "Zu wem gehörst du?", fragt er Silwia einmal, offensichtlich weil er selbst die Frage für sich nicht eindeutig beantworten kann.

Im Kontrast zur klaustrophobischen Enge der Wohnungen steht die Menschenleere der Betonwüsten im Stadtbild von Warschau. In ihrer sterilen Nüchternheit spiegeln die öffentlichen Schauplätze Kubas Entfremdung und Verlorenheit, all die Schwimm- und Turnhallen, Wohnsilos, Schnellstraßen, Brücken, Unterführungen und Tiefgaragen. Und wenn die Unterwasserkamera von unten aufnimmt, wie er ins Wasser springt und seine Bahnen zieht, sind die Geräusche der Welt so gedämpft wie seine Gefühle, denen der jugendliche Überschwang fehlt.

Dazu passt auch die Anekdote, die Michals Vater erzählt und der der Film seinen Originaltitel Floating Skyscrapers verdankt: Als kleiner Junge habe er immer durchs Fenster die Hochhäuser bewundert und dabei die Augen so weit aufgerissen, dass sie tränten. Mit verschwommenem Blick hätten sie den Eindruck erweckt zu schweben. So geht es hier immer wieder darum, Klarheit zu gewinnen, aber auch darum, Schwebezustände zu genießen. 

All die verstohlenen Blicke in der Männerdusche, die unterdrückte Erregung beim Blowjob in der Kabine, die Art, wie er den jungen Mann brüsk von sich schubst, als der ihn zu umarmen versucht, und die impulsive Gewalttätigkeit, mit der er einen Typen verprügelt, der ihn im Treppenhaus als Schwuchtel beschimpft: Man kennt solche Szenen aus unzähligen Filmen, die davon erzählen, wie junge Männer ihre von den Konventionen abweichende sexuelle Orientierung entdecken, zum Beispiel in Marco Kreuzpaintners Sommersturm oder vor Kurzem in Stephan Lacants Freier Fall, in dem Hanno Koffler und Max Riemelt zwei ineinander verstrickte Polizisten spielen. 

In Polen noch eine Provokation

Doch während sie in anderen Filmen oft plakativ und überdeutlich ausgespielt werden, sind sie hier mit zartem Strich skizziert, fragile Gefühle, die der Wirklichkeit abgelauscht sind. Das hat sehr viel mit der Finesse des Erzählens zu tun, aber auch einiges mit der schwierigen Situation im homophoben Polen.

Während solche Geschichten in Westeuropa oder den USA längst selbstverständlich sind, stellen sie in Polen noch eine Provokation dar. Offiziell gilt Tiefe Wasser sogar als der erste polnische Film, der Homosexualität offen thematisiert, was allerdings nicht ganz stimmt, denn auch in dem 2013 auf der Berlinale gezeigten Im Namen des... erzählte Małgośka Sumowska in ähnlich subtiler Weise von den unterdrückten, schwulen Neigungen eines Priesters in einem dörflichen Resozialisierungsprojekt für kriminelle Jugendliche.