Ziel ins Visier nehmen, Vollgas geben und ab in die Hacken! Wenn die Rollstuhlfahrer Valentin (Joel Basman), Lukas (Nikki Rappl) und Titus (Bastian Wurbs) nichts anderes mit sich anzufangen wissen, fahren sie in die Fußgängerzone und lassen ihrem Frust freien Lauf. Was sie besonders genießen, ist der Blick der angerempelten Passanten. Der ist erst verärgert. Wird ihnen klar, dass sie da eben ein Behinderter fast umgefahren hat, wandelt er sich ganz schnell in defensive, irritierte Hilflosigkeit. Die Mitleidsnummer zieht immer. Es ist der Blick der Mehrheit auf eine Minderheit, mit der sie trotz allen Geredes über Inklusion immer noch nicht umzugehen weiß.

Vielleicht sehnen sich der 17-jährige Valentin und seine Freunde aber auch nach diesem kurzen Moment, in dem die Maske fällt und ein echter, ganz direkter Kontakt zu ihren Mitmenschen möglich wird. Besser echter Ärger als gespieltes Gutmenschentum. Das kann Valentin nicht ertragen. Ob er sich denn schon gut eingelebt habe in dem Behindertenheim, wird Valentin etwa von der Leiterin gefragt. "Sie meinen in der Kacke, Pisse, Kotze, Sabberei um mich herum?", fragt Valentin zurück.

Er hat sowieso keinen Bock. Nicht auf die Bemühungen seiner Mutter, nicht auf die Therapie im Krankenhaus, und erst recht nicht auf dieses dämliche Theaterprojekt in einer Behinderten-Einrichtung, an dem er Mama zuliebe teilnimmt. Valentin ist seit einem Snowboard-Unfall querschnittgelähmt. Mit seinem Schicksal hat er sich noch lange nicht abgefunden. Und die anderen "Vollspasten", wie er sie nennt, gehen ihm gehörig auf den Senkel. Valentin taut erst auf, als er die schöne Therapeutin Mira (Anna Unterberger) kennenlernt und mit ihr zu flirten beginnt. Langsam freundet er sich auch mit dem spastisch gelähmten Lukas an, der sich nur mithilfe eines Sprachcomputers mitteilen kann, und mit Titus, mit dem er sich ein Zimmer teilt.

Eine Putzfrauen-Komödie und ein Pflegeheim-Drama hat das deutsch-schweizerische Regie-Duo Stefan Hillebrand und Oliver Paulus mit Wenn der Richtige kommt und  Wir werden uns wiederseh’n schon abgeliefert. Die beiden sind aber alles andere als Problemfilm-Versteher. Im Gegenteil, sie geben sich immer Mühe, die moralinsauren Genre-Regeln des Sozial-Melodrams effektvoll zu unterlaufen. Auch mit Vielen Dank für Nichts. "Es war nicht unser Anliegen, einen ‚Behinderten-Film‘ zu drehen", schreiben die beiden im Presseheft. Für Hillebrand und Paulus ist das ein stigmatisierender Stempel. Ein Genre, in dem die Gesellschaft voller Mitleid auf Behinderte schaut, weil die immer Opfer sind.

Vielen Dank für Nichts will dem Zuschauer lieber in die Hacken fahren. Valentin ist eine Figur, die er anfangs eben nicht einfach ins Herz schließen kann, die sich in ihrem verzweifelten Ringen um Würde nicht anbiedert. Valentin stößt ihn weg wie alle anderen Figuren des Films auch. Später funktioniert die Identifikation umso besser über ein echtes Verständnis von Valentins Seelenlage. Dazu trägt auch der Ton der Filmsprache bei. Ruppig wirkt die dokumentarisch anmutende Handkamera; improvisiert die Arbeit mit den Darstellern, ungefiltert wie aus einem Schauspiel-Workshop. Das lässt Vielen Dank für Nichts unmittelbar wirken und verleiht dem Thema Textur. Auch die Geschichte selbst verhindert die Stilisierung seiner Protagonisten zu Opfern durch aktives Gegensteuern. Um die schöne Mira zu beeindrucken, schmiedet Valentin nämlich einen schrillen Plan, der ihn vom Opfer zum Täter machen soll: Er will die Tankstelle überfallen, in der ihr unsensibler Freund arbeitet.

Vielen Dank für Nichts gehört zu einer neuen Generation von Filmen, die sich nicht mehr damit begnügen, tränenreich von Behinderten zu erzählen. In diesem Sinne sind es durchaus "Behinderten-Filme" und nicht Sozial-Kitsch über "Menschen mit Einschränkungen". Sie wollen zeigen, dass Behinderte keine windelweichen, politisch korrekten Sprachregelungen brauchen, sondern echtes Interesse für ihre mal schwierige, mal schöne Lebenssituation. In dem belgischen Film Hasta La Vista reisen drei Behinderte nach Spanien, angeblich um Wein zu probieren, in Wahrheit aber auf der Suche nach einem Bordell, das auf Gäste wie sie spezialisiert ist. Dem Thema Behinderung und Sexualität, diesem noch immer großen Tabu, nimmt sich auch das kanadische Drama  Gabrielle – (k)eine ganz normale Liebe an. Hier ist es eine junge Frau mit Williams-Beuren-Syndrom, die sich verliebt, die Sex haben will und austestet, wie unabhängig sie leben kann.

Diese Protagonisten spüren ihre Einschränkungen, meist sogar überdeutlich, aber sie wollen sich das Leben dennoch nicht aus der Hand nehmen lassen. Die Filme fragen, wo Fürsorge endet und Bevormundung anfängt. Was passieren muss, damit das eigentümlich leere Schlagwort "Inklusion" von einer politischen Phrase, von einer Wunschvorstellung zur gesellschaftlichen Realität werden kann.

In letzter Konsequenz ziehen sie sich dann doch alle wieder auf den Blickwinkel der Nicht-Behinderten zurück, auch Vielen Dank für Nichts. Das Finale (der Überfall) ist dann doch ein wenig zu breit ausgewalzt und gibt der rotzigen Rock’n Roll-Attitüde etwas Poserhaftes. Und Lukas’ Vater, ein reicher, aber an seinem Sohn uninteressierter Mann, macht eine Wandlung durch, die allzu sehr nach plot point mit pädagogischer Erziehungsabsicht riecht. Es fehlt noch etwas an Vertrauen in ein echtes Selbstbild behinderter Menschen. Insofern ist der Film ein ziemlich genaues Abbild eines Prozesses, in dem Behinderte und Nicht-Behinderte noch einen langen Weg aufeinander zugehen müssen.