Manchmal möchte man diese Violette nehmen und schütteln. Violette tobt, Violette schreit, sie fordert zu viel und bedauert sich selbst. Durch ihre exaltierte Art stößt sie die Menschen ab, von denen sie geliebt werden will. "Mit Violette kann man nicht befreundet sein. Ich erfülle hier meine Pflicht", sagt ihre Vertraute Simone, als sie Violette nach einem Zusammenbruch in der Klinik besucht.

Diese schwierige Frau, die der Regisseur Martin Provost in seinem Film Violette porträtiert, ist Violette Leduc. Jene feministische Autorin, die in den fünfziger und sechziger Jahren so radikal wie keine ihr Inneres nach außen trug und zu einer populären Figur der französischen Frauenbewegung wurde. Ihre Besucherin in der Anstalt: Simone de Beauvoir.

Während de Beauvoir in der französischen Literatur die respektable Position der links-intellektuellen grande dame hielt, war Leduc stets die Skandalöse: Sie schrieb über Abtreibungen und ihre Liebesbeziehungen zu Frauen, war impulsiv und selbstbezogen, trug extravagante Mode, obwohl sie kaum die Miete bezahlen konnte. Ihr Leben lang litt sie an ihrer "illegitimen" Herkunft: Der Vater aus wohlhabender Familie erkannte sie nie an, zur verbitterten Mutter pflegte sie eine heftige Hassliebe. Im Film schenkt Violette ihr ein madenverseuchtes Stück Fleisch. 

Provosts Leduc-Porträt umfasst in lose aneinandergereihten Kapiteln 20 Jahre. Zu Beginn sehen wir Violette über einen Acker in der französischen Provinz stolpern, der Zweite Weltkrieg ist gerade vorbei und die junge Frau schlägt sich als Schwarzmarkthändlerin durch. Durch einen Zufall stößt sie auf de Beauvoirs Sie kam und blieb, macht die berühmte Autorin ausfindig und nötigt ihr den eigenen Roman auf. De Beauvoir, die gerade die Sache der Frau zu ihrem Thema gemacht hat, erkennt Leducs literarisches Talent und die Sprengkraft ihrer brutalen Offenheit. In einem Vorwort zum autobiographischen Roman Die Bastardin, der für Leduc erst Jahrzehnte später den ersehnten Publikumserfolg bringt, schreibt de Beauvoir: "Violette Leduc will nicht gefallen; sie gefällt nicht, sie entsetzt sogar."

Zu radikal für die Nachkriegszeit

Schreiben ist für Leduc ein Instrument, ja, eine Waffe. Schonungslos breitet sie jede Erfahrung aus, um das Gefühl der eigenen Machtlosigkeit in den Griff zu bekommen, schreibt über selbst empfundene Hässlichkeit, Bisexualität und ungewollte Schwangerschaft. Für das Frankreich der Nachkriegszeit ist das zu radikal: Ihre Bücher werden zensiert und bleiben trotz anerkennender Worte von Camus, Genet und Sartre Ladenhüter. An de Beauvoir schreibt Leduc: "Ich bin eine Wüste, die mit sich selber spricht."

Für verkannte Künstlerinnen scheint Provost ein Faible zu haben. 2009 porträtierte er in der Filmbiographie Séraphine die naive Malerin Séraphine de Senlis – diesmal hat er eine deutlich glamourösere Protagonistin gewählt.