Irgendetwas daran versetzt uns unfreiwillig zurück in unsere Kindheit: Vielleicht sind es die warmen, leuchtenden Farben. Vielleicht die etwas ruckartigen Bewegungen der Menschen, die Unschärfe der Bilder oder die Stille, die nur von einem leisen Rattern durchzogen wird. Super-8-Filme sind zur materialisierten Kindheitserinnerung geworden. Nein, anders: zu den Bildern, an die wir uns gerne erinnern würden.

Vor 50 Jahren brachte Kodak das Schmalfilmformat auf den Markt. Im Vergleich zu seinem Vorgänger, dem 8-mm-Film, war der Super-8-Film einfach zu bedienen. Die Ausstattung war günstig und die gefilmten Bilder doppelt so groß. Das Homevideo war erfunden, die Kodak Culture gegründet: Jeder sollte filmen können – Familienurlaube, Geburtstage, Gartenpartys. Und weil es den Deutschen der sechziger Jahre gut ging, taten sie das auch.

Und jetzt? Was ist aus den unzähligen Aufnahmen der deutschen Wirtschaftswunderkindheiten geworden? Und warum interessieren wir uns überhaupt noch für die Analogästhetik, in Zeiten der digitalen Fotomassenproduktion?

Punk gegen den Kleinstadtmief

"Das Spannende an diesen Filmen ist, wie wir uns unsere Identität darin erzählen. In den Amateurfilmen haben wir unsere Familienerzählungen festgehalten", sagt Philipp Hauß, Jahrgang 1980, der mit seinem Projekt Wunderblock derzeit durch Deutschland tourt und Super-8-Filme digitalisiert. "Man hat sich die Filme später angeschaut und gedacht: So war das damals", sagt der Schauspieler vom Wiener Burgtheater. Das habe nichts mit Nostalgie zu tun, mehr damit, verstehen zu wollen, wie Familien das Medium nutzten, um ihre Geschichte zu konstruieren. "Das hat meine eigene Biografie ausgemacht, der deutsche Kleinstadtmief. Jetzt kann man darauf zurückblicken und versuchen, das alles besser zu begreifen".

Super 8 war aber nicht nur Grillparty und Fußballvereinsspiel. Dietrich Kuhlbrodt, 1932 geboren, Schauspieler, Staatsanwalt und Avantgardefreund aus Hamburg, sagt: "Der Anfang der achtziger Jahre war die Zeit der Super 8 und des beginnenden Punks". Neben den obligatorischen Urlaubsvideos (sein krabbelnder Sohn an der dänischen Nordsee), filmte Kuhlbrodt 1986 eine Sequenz des experimentellen Filmprojekts Jesus – Der Film. Unter Anleitung von Michael Brynntrup beteiligten sich 22 Filmemacher in Ost- und Westdeutschland an einem "Monumentalfilm" über Jesus – schwarz-weiß gefilmt auf einer russischen Zenit-Kamera, die über die deutsch-deutsche Grenze hin- und hergeschmuggelt wurde.

Der Schauspieler Dietrich Kuhlbrodt in Greifswald während einer Leseprobe © Wunderblock 2014

Zwei Container rollen durch Deutschland

"Die Super-8-Bewegung war politisch, ein Protest gegen den Mainstream", sagt Kuhlbrodt. "Die Filme waren billig: Man konnte machen, was man wirklich wollte. Ein Akt der Freiheit, der mit einem Mal da war."

Gemeinsam arbeiten der 34-Jährige und der 81-Jährige nun an Wunderblock, das gewissermaßen eine Feier des Filmformats zu dessen 50. Geburtstag ist. In vier Kleinstädten halten die Analog/Digital-Container, in denen Bewohner vor Ort ihre Super-8-Spulen umsonst digitalisieren lassen können. Aus dem gesichteten und gesammelten Material schneiden Philipp Hauß und seine Kollegen für jede Stadt einen neuen Film. Dazu schreiben Hauß und der Dramaturg Thilo Fischer eine Geschichte, die am jeweiligen Ort mit Schauspielern aufgeführt wird.