Als im Februar Wes Andersons Grand Budapest Hotel die Berlinale eröffnete, lobten ihn die Kritiker um die Wette. Vom glanzvollsten Auftaktfilm seit sehr langer Zeit war die Rede, von einem zauberhaft versponnenen Werk. Der quietschvergnügte Film galt vielen als perfekte Einstimmung auf ein Festival, als bekömmliche Kost, bonbonsüß und erfrischend kindisch. Visuell brillant, zugleich inhaltlich unverfänglich. 

In München war nun ein Déjà-vu zu erleben: Das dortige Filmfest, nach der Berlinale Deutschlands zweitgrößte Filmparade, startete mit Jean-Pierre Jeunets Die Karte meiner Träume. Wie bei Anderson folgt die Handlung einem Jungen auf dessen abenteuerlichen Pfaden, auch hier geht es reichlich schräg und unwahrscheinlich zu. Beide Filme erzählen nette, kleine Geschichten, frei von gesellschaftlicher Relevanz. Doch bei genauerem Hinsehen offenbaren sich die Unterschiede zweier Regie-Fantasten. 

Während der Texaner Anderson seine Handlung in einem fiktiven Karpatenstaat im Herzen des alten Europa ansiedelte, beginnt der Film des Franzosen Jeunet im Nordwesten der USA. Die Folie der Komik bietet die jeweils andere transatlantische Welt. Erfreute sich Grand Budapest Hotel am welken Glanz der Habsburgerzeit, begnügt sich Die Karte meiner Träume mit einer Art Jetztzeitigkeit. Allein: Bei Jeunet erscheint sie so entrückt, die Figuren geben sich derart altmodisch-schrullig, dass die Gegenwart trotz allem vergangen wirkt. Der zehnjährige T.S. Spivet (Kyle Catlett) lebt mit seinen Eltern und der großen Schwester im hübschen roten Holzhaus samt weiß getünchter Veranda im Bundesstaat Montana, just in the middle of nowhere. Der maulfaule Vater gefällt sich als Cowboy, die Mutter als passionierte Insektenforscherin. Die pubertäre Schwester träumt sich indes zur Schauspielkarriere, schwer genervt vom ereignislosen Leben in der Provinz.

Jeunets dritter Film

T.S. selbst hat sein Herz an die Wissenschaft verloren, er tüftelt, experimentiert, zeichnet Diagramme und Flugkurven von Gewehrkugeln. Was man eben so tut, als Forscher im amerikanischen Nirgendwo. Als er das erste funktionierende Perpetuum mobile entwickelt, den heiligen Gral der Wissenschaften, gewinnt T.S. damit prompt den renommierten Baird-Award. In der Smithsonian Institution in Washington, D.C. hält man freilich seinen Vater für den Urheber. Um den Irrtum aufzuklären und die fällige Dankesrede zu halten, macht sich der schüchterne Junge auf die Reise gen Osten, als blinder Passagier eines Güterzuges.

Jean-Pierre Jeunet wird vermutlich für viele auf ewig der Regisseur von Amélie bleiben, deren träumerisch-fabelhafte Welt 2001 zum großen europäischen Erfolg wurde, mehr noch: zur Ikone. Auch das Märchen aus Montmartre feierte seine Premiere damals in München. Seither hat Jeunet nur zwei Filme gedreht, Die Karte meiner Träume ist der dritte.