Harun Farocki arbeitete an der Schnittstelle zwischen Film und Kunst: Als Regisseur, Drehbuchautor, Video- und Installationskünstler setzte er sich mit Themen wie Krieg und Frieden auseinander – aber auch mit der von Werbung und Medien bestimmten Alltagswelt. Am Mittwoch ist Farocki im Alter von 70 Jahren in der Nähe seiner Wahlheimat Berlin gestorben.

Mit seinen rund 90 Arbeiten galt Farocki als wichtiger Vertreter des deutschen Experimental- und Dokumentarfilms. Die Bedeutung von Bildern, ihre Entstehung und vor allem die Motivation dahinter bestimmten Farockis Werk. Er blickte hinter große Inszenierungen im Fernsehen und gab Szenen aus Computerspielen einen neuen Bedeutungsrahmen. Bekannt wurde Farocki auch als ständiger Co-Autor des Regisseurs Christian Petzold.

Gemeinsam mit Petzold war Farocki für viele Drehbücher verantwortlich – unter anderem für Die innere Sicherheit (2000), Gespenster (2005) und für das preisgekrönte DDR-Drama Barbara (2012). Petzold sagte vor einiger Zeit dem Kunstmagazin Monopol über die Arbeit mit Farocki, sie seien gemeinsam wie Goldgräber. "Wir spinnen zusammen ein Garn. Ich könnte nie alleine schreiben."

1944 im Sudetenland im heutigen Tschechien als Sohn eines ausgewanderten indischen Arztes geboren, studierte Farocki von 1966 bis 1968 im ersten Jahrgang der Deutschen Film- und Fernsehakademie in West-Berlin (dffb). Nach einigen Agitpropfilmen in den wilden 68er Jahren folgten wichtige Dokumentarfilme wie Zwischen zwei Kriegen (1978), Bilder der Welt und die Inschrift des Krieges (1989) und der Filmessay Leben – BRD (1990). Für Die Umschulung erhielt er 1995 den Grimme-Preis.

Als Redakteur der Zeitschrift Filmkritik prägte Farocki von 1974 bis 1984 den Stil des Blattes, von 1993 bis 1999 übernahm er eine Gastprofessur an der Universität von Kalifornien in Berkeley.

Seine Arbeiten seien karg, realistisch, an Bertolt Brecht orientiert, schrieb die Frankfurter Allgemeine Zeitung in einem früheren Artikel über Farockis Arbeit. Sie wollten nicht "mit schönen Bildern verführen, sondern zum Nachdenken zwingen". 

Seit Mitte der neunziger Jahre widmete sich Farocki stärker der Kunst. Er hatte zahlreiche Gruppen- und Einzelausstellungen in Museen und Galerien. 2007 zeigte er bei der documenta 12 Deep Play, eine vielbeachtete Installation: Auf halbkreisförmig angeordneten Plasmabildschirmen zeigte er das Endspiel der Fußball-WM 2006 zwischen Frankreich und Italien abwechselnd abstrakt und konkret.

Bis 2011 lehrte Farocki als ordentlicher Professor an der Wiener Akademie für Bildende Künste. Er hinterlässt eine Frau und Zwillingstöchter aus erster Ehe.