2014 ist nicht 1974. Zwar wurde Deutschland auch vor 40 Jahren Fußball-Weltmeister. Aber ansonsten hat sich dieses Land in der Zwischenzeit doch ziemlich verändert. Studenten von heute etwa leben in einer WG, die von einer Putzfrau gereinigt wird, verstauen ihre Schuhe brav in den dafür vorgesehenen Schachteln und kleiden sich seriös wie Bankangestellte. Um die Nase sind sie blass und ihre Nerven liegen blank, denn der Druck ist groß. Sie haben keine Kapazitäten für Geschichten vom wilden Studentenleben der Siebziger. Erst recht nicht für "Feten" und Rotweinexzesse. "Die jungen Leute machen mir Angst", knurrt Eddi (Heiner Lauterbach), Anfang 60, Feiertier aus der guten alten Zeit und eine der Hauptfiguren aus Ralf Westhoffs drittem Spielfilm Wir sind die Neuen.

Mit seinen ehemaligen Mitbewohnern Anne (Gisela Schneeberger) und Johannes (Michael Wittenborn) gründet Eddi wieder eine WG. Die drei können sich Münchner Mieten nicht mehr leisten und sehnen sich nach der Gemeinschaft von früher. Warum nicht wieder wie damals am Küchentisch sitzen, über Politik, Gesellschaft, Gott und die Welt philosophieren und dabei die eine oder andere Flasche Wein leeren? Sie haben die Rechnung allerdings ohne die Nachbarn von oben gemacht. Katharina (Claudia Eisinger), Barbara (Karoline Schuch) und Thorsten (Patrick Güldenberg) wollen mit den merkwürdigen Zauseln nichts zu tun haben: Lärm nach 22 Uhr geht gar nicht, schließlich müssen sie ihre effizient durchgeplanten Biografien verwirklichen und stehen kurz vor dem Examen. Man will ja nicht in Altersarmut enden wie die Nichtsnutze von unten. Ein Kleinkrieg beginnt.

"Ich bin kein guter Geschichtenerzähler", hat der Regisseur Ralf Westhoff in einem Interview gesagt. Dem 44-Jährigen ist es unangenehm, wenn er etwas über sich selbst erzählen soll. Auf seine Filme lässt sich diese Einschätzung hingegen keinesfalls übertragen. Ralf Westhoff schreibt die wohl besten Dialoge im deutschen Kino. Sie wirken wie aus dem Leben gegriffen und sind doch poetisch überhöht; an diesen unprätentiösen und doch genauen Wortwitz reichen wenige deutsche Drehbuchautoren heran.

Westhoffs Filme ähneln dem Wesen ihres Regisseurs – sie sind schüchtern und zurückhaltend, machen nicht viel Gewese. Sind also das genaue Gegenteil der breitbeinigen Schenkelklopf-Komödien der Fraktion Schweiger und Schweighöfer. Vielleicht bleiben sie deshalb trotz vieler Auszeichnungen bis heute fast Geheimtipps. Und das, obwohl sie Vorurteile gegen das deutsche Kino widerlegen: Schon Shoppen und Der letzte schöne Herbsttag waren erfrischende, ganz offen zugängliche Komödien, die unsere Gegenwart beschrieben, ohne dabei belehrend oder steif zu wirken.

In Wir sind die Neuen bündelt Westhoff wieder eine Vielzahl von Themen, die andere Drehbücher überfrachtet hätten. Es geht um steigende Mieten und steigenden Leistungsdruck, um Selbstoptimierung und persönliche Freiräume, nicht zuletzt um den Zusammenprall der Generationen und die Frage, wie die Gesellschaft von verschiedenen Sichtweisen auf das Leben profitieren kann. All das schwingt mit, ohne die luftige Geschichte zu beschweren. Wir sind die Neuen, den Westhoff wieder kammerspielartig in Innenräumen filmte, erinnert an das qualitativ hochwertige Boulevardtheater von Neil Simon (Ein seltsames Paar). Nicht seicht und gefällig, sondern leicht, lustig und lebensklug; eine Kunst, die einfach aussieht und so schwierig zu bewerkstelligen ist.

Generationen-Austausch erwünscht

Die Nähe von Ralf Westhoffs Filmen zum Theater wird vergrößert durch seine Liebe zu Schauspielern, die mit dem Dialog im Mittelpunkt stehen. Shoppen hatte noch 18 Hauptdarsteller, Wir sind die Neuen kommt mit sechs aus. Die Jungspunde von oben zeichnet er ein wenig eindimensional. Sein Hauptaugenmerk liegt eindeutig auf den alternden WG-Genossen. Michael Wittenborn ist zutiefst sympathisch als intellektueller, linkischer Softie; Heiner Lauterbach macht ganz wunderbar den weichen Kern und die Verletzlichkeit seines nach außen lauten Eddie sichtbar; und es ist ein Geschenk, die großartige Gisela Schneeberger mit ihrer besonderen Mischung aus bajuwarischer Rustikalität und feinnervigen Zwischentönen wieder in einer Kinohauptrolle zu sehen.

Wenn sich Anne, Eddie und Johannes zu Mentoren der gestressten und rückenlahmen Gegenwartsstudenten aufschwingen, zeichnet Ralf Westhoff etwas überdeutlich seine Überzeugung, dass echter Fortschritt und Ausgleich nur durch den Austausch zwischen den Generationen entstehen kann. Aber die Melancholie über verpasste Chancen und der leise Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Tuns bleiben und machen aus Wir sind die Neuen ein kleines Komödien-Juwel. Genau der richtige Film für ein Land, das in seiner WM-Euphorie kurz vor der Hyperventilation steht und sich dringend wieder erden muss.