ZEIT Online: Herr Riklis, Ihr neuer Film Dancing Arabs hat hier auf dem Filmfestival von Locarno Premiere. Er handelt von der Diskriminierung der in Israel lebenden Palästinenser. Verfolgen Sie eine politische Agenda?

Eran Riklis: Wer eine Agenda verfolgt, ist langweilig. Ich will dem Zuschauer nicht sagen: "So denke ich und jetzt habt ihr auch so zu denken." Zugegeben, als Filmemacher ist man nie wirklich demokratisch, man drängt dem Publikum immer eine Sicht auf. Aber ich versuche, verschiedene Standpunkte zu zeigen. Meine einzige "Agenda" ist, relevante Filme zu machen.

ZEIT Online: Was bedeutet relevant?

Riklis: Filme sollten nicht in einem Vakuum existieren. Vor allem nicht in dieser Region, nicht in Israel. Ich sage nicht: Es geht mir darum, die Welt zu verändern. Ich möchte Diskussionen anregen. Wir glauben ja heute alle, durch das Internet wahnsinnig gut informiert zu sein. Dabei reicht unser Wissen oft nicht über die Headlines hinaus. Ich möchte dem Zuschauer die Welt hinter den Überschriften zeigen. Deshalb mache ich Filme. Außerdem kann ich sonst nicht viel.

ZEIT Online: Rund 20 Prozent der israelischen Bevölkerung sind Araber, das vergessen viele häufig. In Dancing Arabs zeigen sie den Rassismus gegenüber dieser Minderheit. Warum?

Riklis: In US-amerikanischen Filmen findet man es normal, wenn es um Rassismus geht. In Israel hingegen ist die Auseinandersetzung mit Rassismus im Film fast tabu. Sie ist es aber nur, weil niemand den Anfang macht. Wir haben etliche Filme, die den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern behandeln. Bloß mit den Arabern, die in Israel leben, setzt sich das israelische Kino nicht auseinander. Ich kenne keinen einzigen Film, der das tut.

ZEIT Online: Sie waren als junger Mann im Jom-Kippur-Krieg. Beeinflusste das Ihre Entscheidung, sich als Künstler zu betätigen?

Riklis: Der Jom-Kippur-Krieg hat sich tief in die israelische Psyche eingegraben. Auch heute noch empfinden viele Israelis diesen Krieg als ein besonders einschneidendes Erlebnis. Aber meine Geschichte ist nicht die eines Soldaten, der im Schützengraben lag, seine Freunde sterben sah und dann beschloss, Künstler zu werden. So ist sie nicht. Aber ähnlich. Ich habe Freunde verloren und  musste irgendwie damit umgehen. In der Kunst kann ich das. Mein Anspruch, relevante Filme zu machen, hat auch mit diesen Kriegserfahrungen zu tun.

ZEIT Online: Ist es in Israel schwieriger, Fördergelder zu bekommen, wenn der Film vom Konflikt handelt?

Riklis: Klar kann es sein, dass  jemand in einem Fördergremium politische Interessen verfolgt und deshalb ein Projekt ablehnt. Aber das gibt es überall. Ich erinnere mich, wie ich mit dem Drehbuch von Die syrische Braut nach Deutschland und nach Frankreich geflogen bin, um Fördergelder zu bekommen. Man sagte mir: "Jaja, wieder so etwas mit Juden und Arabern, wir haben das Thema satt. Es ist ausgelutscht." Ich kann dem nur entgegnen: "Aber es ist eine gute Geschichte!" Gute Geschichten setzen sich am Ende immer durch. Nun ja, fast immer.