Ich liebe den Doppelpass. Also nicht dieses Fußballdings auf dem Platz, dafür muss man zu viel laufen, sondern die Fernsehsendung. Sie wissen schon, dieser sonntägliche Frühschoppen mit dem Weißbier und den Phrasen. Der Doppelpass gehört zum Sonntagmorgen wie Mundgeruch und die Brötchen vom Vortag. Die Sendung ist so bekannt, dass mittlerweile völlig unklar ist, ob sie nach dem Fußballdings auf dem Platz benannt ist oder umgekehrt.

Seit 1995 unterhalten sich Journalisten, Trainer, Manager, Präsidenten und ehemalige Spieler (die sogenannten Experten) herrlich unterkomplex über Fußball. Ich erinnere mich, wie ich früher verkatert (Sonntag, 11 Uhr!) nach der Fernbedienung tastete und mit geschlossenen Augen fernsah. Beim Doppelpass ging das. Intellektuell fühlte ich mich auch in diesem Zustand nie überfordert – beim ZDF-Fernsehgarten, der parallel lief, war das schon riskanter. Zudem klang das, was ich da so hörte, nie anders als die Fußballunterhaltungen, die ich mit meinen Kumpels führte. Was nicht zwingend gegen die Doppelpass-Experten sprechen muss, sondern für meine Kumpels.

Und was da schon alles passiert ist: Kaiserslauterns Aufsichtsratsvorsitzender Robert Wieschemann musste 2002 nach einem Stammel-Auftritt zurücktreten. Uli Hoeneß’ legendärer Satz, dass Lothar Matthäus nicht einmal Greenkeeper im neuen Stadion werde, fiel im Doppelpass. Der Moderator Jörg Wontorra raunte live von Alkoholproblemen des früheren Schalke-Bosses Rudi Assauer. Und einmal nannte er den Trainer Robin Dutt einfach Robin Hood.

Wontorra selbst ist ein Dino, quasi der HSV der Sportberichterstattung. Für jede Sendung wird er frisch gebräunt aus Marbella eingeflogen. Der Rest der Gäste wird in unregelmäßigen Abständen eingeladen. Dieses Mal zum Saisonauftakt dabei: Christian Ziege, der mal bei Bayern München spielte und nun die SpVgg Unterhaching trainiert. Thomas Helmer, der mal bei Bayern München spielte und jetzt als Sport1-Fußballexperte fungiert, obwohl er sein Abitur mit 1,8 gemacht hat. Dazu Sport1-Kommentator Hansi Küpper, ein etwas zerknittert dreinblickender Journalist vom Express und Jörg Schmadtke, Sportchef des 1. FC Köln, der alles verderben sollte.

Zunächst war auch in dieser Woche alles wie immer. Es ging um vergebene Chancen, verlorene Zweikämpfe, den anstehenden Durchmarsch der Bayern und wer ihn verhindern könnte, und um die Frage, ob Jens Keller der richtige Trainer für Schalke 04 ist, immerhin hatte der – unerhört! – am ersten Spieltag verloren. Das ist das Schöne an diesen Runden: Falls es mal ein Problem mit der Liveübertragung geben sollte, kann man einfach jede beliebige Folge der vergangenen, sagen wir, drei Jahre laufen lassen. Den Unterschied bemerkt niemand.

Udo Jürgens' Sohn wacht nun über das Phrasenschwein

Mit dabei war natürlich auch das Phrasenschwein. Eine Institution aus Keramik, die es über die Grenzen des Doppelpasses hinaus bis in den Duden geschafft hat. Immer wenn einer der Gäste eine Phrase absondert, muss er einen symbolischen Betrag ins Schwein stopfen. Drei Euro, früher fünf Mark. Damals wachte eine Jazz-Kombo namens Trio La Haze über das Schwein. Bei einer Phrase, fing sie an zu klimpern, eine Art musikalische Plattitüdenalarmanlage. Vor einigen Jahren wurde das Trio von einem DJ ersetzt, John Jürgens, den Sohn von Udo Jürgens übrigens, der sich ganz originell DJ John Munich nennt, wahrscheinlich weil er in München geboren ist.

Seitdem allerdings schleift es mit dem Phrasenschwein. Derzeit wird etwa nur jede Millionste Floskel geahndet. Dabei geht der Inhalt der Sau an einen guten Zweck. Fakt ist: Wenn alle Beteiligten die Sache mit dem Phrasenschwein Ernst nehmen würden, müsste kein Kind der Welt mehr Hunger leiden.

Für viel Spaß sorgen auch die Zuschauer. Ich habe mich immer gefragt, ob die Geld zahlen müssen oder dafür bekommen, da rumzusitzen. Ich glaube, es kostet. So oder so: Die komplette Hinrunde ist schon ausgebucht. Und dann sitzen diese Menschen da mit ihren Trikots und Schals unter (künstlichen?) Palmen in einer hangarähnlichen Halle eines Münchner Flughafenhotels und immer, wenn einer von ihnen im Hintergrund im Bild auftaucht und sich auf einem der Studiomonitore erkennt, fängt er an zu grinsen oder zu winken oder zieht Grimassen oder versucht, Ernst zu bleiben, was nicht gelingt und immer am Lustigsten ist.

Werbung für Gold und Geländewagen: Die Zielgruppe ist klar umrissen

Früher wurden die hübschesten Frauen aus dem Publikum in der ersten Reihe direkt hinter den Gästen platziert, die am meisten Redezeit hatten. Da hörte man denen natürlich noch ein bisschen weniger zu, aber meine Güte! An diesem Sonntag saß nur ein junger Mann mit Bayern-Trikot, Brille und Bürstenschnitt im Hintergrund. Und ein älterer Mann mit Bayern-Trikot, der eine gewisse Ähnlichkeit mit Peter Gauweiler hatte.

Die Zielgruppe ist dennoch recht klar umrissen. Im ersten Werbeblock: Werbung für eine Wandfarbe, ein Anti-Schuppen-Shampoo, Versicherungen, Kopfschmerztabletten, Gold, einen Geländewagen, eine Internet-Flatrate, eine Bank, Fußball im Pay-TV, eine Sportzeitung, Sportschuhe, das Daten-Roaming eines Handy-Anbieters, eine Direktbank, Hamburger, ein Reisevergleichsportal. In genau dieser Reihenfolge.

Jörg Schmadtke will tatsächlich fundiert über Fußball reden

Sehr nett ist auch das sogenannte Dopafon. Da kann man anrufen und seine Meinung sagen und wenn man Glück hat, wird diese Meinung dann auch während der Diskussion eingespielt. Ich habe das vor etwa zehn Jahren auch schon mal gemacht, erfolglos. Vielleicht hätte ich die Schiedsrichter, die meinen Verein konsequent benachteiligt haben, etwas weniger unflätig beleidigen sollen. Aber die Beiträge sind oft ganz herzallerliebst. Auch weil sie sich in ihrer Stammtischtauglichkeit kaum von den Wortmeldungen der Experten am Tisch unterscheiden.

Womit wir wieder beim dieswöchentlichen Gast Jörg Schmadtke wären. Der passte nicht rein, weil er tatsächlich fundiert über Profifußball reden wollte. Darüber, dass es doch bekloppt sei, nach einem verlorenen Spiel von einem Fehlstart zu reden. Oder über das finanzielle Ungleichgewicht in der Liga. Oder über die Überlastung der Spieler schon im Jugendbereich. Doch Jörg Wontorra konnte das Abdriften auf die Metaebene geschickt abwehren und las von seinem Zettel, dass der Bayern-Fanclub Eisenacher Drachentöter und der Burschenverein Wolpertskirchen eben ein paar Euro fürs Phrasenschwein gespendet hätten. 

Lieber fünf Superzeitlupen von Klopps Torjubel

Das ist die Qualität am Doppelpass: Man wird verschont von den großen Problemen der Fußballwelt, die das Ganze vielleicht mal zum Implodieren bringen könnten. Stattdessen lieber fünf Superzeitlupen von Jürgen Klopps Torjubel plus Interpretation allerseits.

Leider ist Udo Lattek nicht mehr dabei. Der Meistertrainer, der wandelnde Pokal. Was er sagte, war Gesetz. Da störte weder die Werbung am Hemdkragen noch seine zeitlosen Weisheiten. Ich erinnere mich noch, wie ein geschätzter Kollege das erste Mal eingeladen war. Immer wenn er versuchte, wenigstens zwei Gedanken miteinander zu verbinden, wurde er von Lattek niedergekalauert. Und je jovialer und schlichter der Spruch, desto scheppernder der Applaus. Ich habe den Kollegen später nie wieder in dieser Runde gesehen.

Verbrauch des Autors während der Sendung: Elf Herrengedecks sollt ihr sein!

Persönliche Wertung: Diese Woche nur zwei von zehn Peinlichkeitspunkten auf der Robert-Wieschemann-Skala für den Typen vom Express