Ken Loach nimmt auf der Berlinale im Februar 2014 den Ehrenbär für sein Lebenswerk entgegen. © Andreas Rentz/Getty Images

ZEIT ONLINE: Mister Loach, Sie sind Sozialist und gelten als einer der politischsten europäischen Filmemacher. Spüren Sie mit 78 Jahren noch immer den Drang, der Welt etwas zu sagen?

Ken Loach: Morgens wache ich auf und denke: Es reicht. Aber dann schalte ich das Radio an, schlage die Zeitung auf und merke, dass die Welt noch immer ein gefährlicher Ort voller Konflikte ist. Ob einen Themen interessieren oder aufregen und ob man damit arbeiten möchte – das sind allerdings zwei verschiedene Dinge. Nicht alles liegt in der eigenen Kompetenz.

ZEIT ONLINE: Was regt Sie zurzeit am meisten auf?

Loach: Die Unterdrückung der Palästinenser ist ein großes Thema. Auch für uns, weil die britische und die amerikanische Regierung Komplizen dieser Unterdrückung sind. Sie liefern Waffen und Geld. Das macht es relevant genug, um darüber zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie sich dann entschieden, über einen lang vergangenen Konflikt zu erzählen? Jimmy's Hall spielt im Irland der dreißiger Jahre. Ein ehemaliger Freiheitskämpfer kommt aus New York zurück in sein Dorf und eröffnet einen Tanzsaal, in dem Jazz gespielt wird. Sehr zum Unmut der Kirche. Der politische Kampf in Jimmy's Hall ist die Freude am Feiern.

Loach: Genau darum ging es mir. Denn das sollte damals ausgelöscht werden: die Ausgelassenheit, diese bunte, lebensbejahende Tatkraft. Der Film ist ein Hieb gegen Autoritarismus. Wir wollten vor allem den Zusammenhang zwischen ökonomischen Kräften und organisierter Religion zeigen. Kirche und Wirtschaft stützten sich gegenseitig, damit die Reichen reich bleiben und die Armen arm. In Gottes Namen.

ZEIT ONLINE: Der echte James Gralton wurde schließlich aus Irland ausgewiesen – als einziger Ire bislang. Inwiefern ist sein Kampf heute relevant?

Loach: Auch heute gibt es Religionen, die ihren Anhängern verbieten, bestimmte Musik zu hören oder zu tanzen. Autoritarismus hat aber auch andere Gesichter. Es gibt ihn in Ländern Westeuropas, die sich selbst für liberale Demokratien halten. Ich spreche etwa von Großbritannien. Dort ist es sehr schwierig, gegen manche Ansichten anzukommen.

ZEIT ONLINE: Welche meinen Sie?

"Was für Filme gedreht werden, entscheiden diejenigen, die dem herrschenden System angehören"

Loach: Man darf kaum darauf hinweisen, dass es Alternativen zu jenem neoliberalen Wirtschaftsmodell gibt, das die Europäische Union verfolgt. Dass man sich nicht mit Massenarbeitslosigkeit, Armutsquoten und einer desillusionierten Jugend abfinden muss. Dass man eine Gesellschaft auch anders gestalten kann. Wer so denkt, gilt als Ketzer, als würde er sagen, dass Gott nicht existiert. Aber auch beim Thema Nahost-Konflikt ist es sehr schwierig, Meinungen zu äußern, die nicht pro Israel sind. Die BBC und fast alle wichtigen Zeitungen sind es nämlich. Die mediale Beeinflussung funktioniert ganz geschickt. 

ZEIT ONLINE: Unter der Regierung von Margaret Thatcher wurden Sie als bekennender Trotzkist Opfer von Zensurmaßnahmen und Sendeverboten. Im Vergleich dazu müssten Sie sich heute wie im Paradies fühlen.

Loach: Nein, das tue ich wahrlich nicht. In den achtziger Jahren fuhr die Regierung Angriffe auf Gewerkschaften und Arbeiterschaft. Es wurden offenkundig falsche Informationen durch die BBC verbreitet. Heute sind die Medien raffinierter. Das zeigt sich darin, wie sie Begriffe nutzen: Im Fall der Israelis geht es zum Beispiel immer um "Soldaten", bei den Palästinensern um "Kämpfer". Eine Seite besteht also aus verantwortungsvollen, gut ausgebildeten Militärs, die andere Seite aus Irren, die auf praktisch jeden feuern. Die Sprache beeinflusst, wie wir die Welt sehen. In manchen Gesellschaften herrscht offene Repression, andere üben ihre Kontrolle mit größerem Geschick aus.

ZEIT ONLINE: Nur wenige Filmemacher äußern sich so dezidiert politisch wie Sie. Woran liegt das?

Loach: Ich glaube schon, dass es einige sehr politische Filmemacher gibt. Sie bekommen nur kein Geld und damit keine Möglichkeit, tatsächlich Filme zu machen. Wir dürfen nicht vergessen: Was für Filme gedreht werden, entscheiden diejenigen, die dem herrschenden System angehören.