Warum haben Sie auf diesen Text angeklickt? Sie lieben amerikanische TV-Serien? Sind ZDFneo-Fan? Oder etwa, weil es hier um Geschlechtsverkehr geht? Machen wir uns nichts vor.

Die USA sind bekannt für eine Sexualmoral, die sich einerseits durch eine extrem öffentliche Sexualität, andererseits durch zelebrierte Keuschheit auszeichnet. Aufs Fernsehen übertragen kann man sagen: Pay-TV-Kanäle wie HBO oder AMC zeigen Serien, bei denen öfter mal die Story um die Sexszenen herumgestrickt ist – glücklicherweise meistens kunstvoll –, während eine entblößte weibliche Brustwarze im Free-TV einen nationalen Skandal auslösen kann.

Die Entstehung dieser Prüderie und Doppelmoral ist Thema der Showtime-Serie Masters of Sex, die nun auf ZDFneo läuft. Und dafür wird geschnackselt, was das Zeug hält. Protagonisten der Erzählung sind die Sexualforscher William H. Masters und Virginia E. Johnson, reale Personen, die in den prüden 1950ern ausgezogen waren, um am lebenden Objekt zu studieren. Allein der Pilotfilm weist vier Sexszenen auf, und wer Masturbation hinzuzählt, kommt auf noch mehr. Doch anders als bei Mad Men, True Blood, The L-Word, Game of Thrones und anderen sind diese Szenen tatsächlich relevant für die Erzählung.

Die Serie beginnt damit, wie Masters (Michael Sheen) die Prostituierte Betty DiMello bei der Arbeit beobachtet. Akribisch notiert der Forscher Dauer des Aktes und des Höhepunktes. Betty wirkt unglaublich gelangweilt – kurz bevor ihr Kunde seinen Höhepunkt hat, stöhnt sie ein bisschen falsch herum. Dennoch ist Masters völlig entgeistert, als Betty ihm erklärt, dass ihr Orgasmus vorgetäuscht war. "Warum", fragt er, "tun Frauen das?"

Über Sex wusste man damals wenig, über die Sexualität von Frauen gar nichts. Frauen, so dachte man, seien gar nicht in der Lage, ein eigenes sexuelles Begehren zu entwickeln. Nur drei Jahre vor dieser Szene, die im Jahr 1956 spielt, hatte Masters’ damals ungleich berühmtere Kollege Alfred Kinsey mit seinem Buch Das sexuelle Verhalten der Frau erstmals begonnen, etwas Licht in die Dunkelheit zu bringen.

Darauf ereilte ihn, was man Neudeutsch einen Shitstorm nennt: Konservative, christliche Gruppen unterstellten dem Forscher alle möglichen sexuellen Devianzen bis hin zur Pädophilie und damit kriminelles Handeln. Das FBI mischte sich ein und setzte Kinseys Geldgeber erfolgreich unter Druck, dessen Forschung nicht mehr zu finanzieren. Was Masters nicht abhielt, Kinsey zu folgen.