Es ist nicht ohne Risiko, wenn sich Independentregisseure am Genrefilm versuchen. Im schlimmsten Fall verirren sie sich ins filmische Niemandsland, wo die Bilder weder Spannung noch alternative Blickweisen erzeugen. Kelly Reichardt umschifft (tatsächlich ist ein Boot namens Night Moves titelgebend) diese Gefahren allerdings bravourös. Sie gleitet mit einer solchen Selbstverständlichkeit über sie hinweg und macht sich das beste beider Filmtraditionen zu eigen, dass man versucht ist, ein neues Genre auszurufen: den Indie-Thriller.

Reichardt, Amerikas derzeit wahrscheinlich wichtigste unabhängige Filmemacherin, hat sich bereits mit dem alternativen Western Meek’s Cutoff (2011) in der souveränen Genreaktualisierung geübt. Und wie im hochgelobten Wendy and Lucy geht es ihr auch in ihrem nun sechsten Spielfilm um die prekäre Grenze zwischen Normalität und Ausnahmezustand, good citizen und Outlaw.

Man könnte auch sagen: Reichardt erzählt mit jedem Film ihre eigene, persönliche Version des American Dream. Er ähnelt einem Alptraum. Ihre Filme befragen ihr Land USA, seine Mythen, seinen Alltag, seine Natur. Die atemberaubende Landschaft des amerikanischen Nordwestens bildet den Schauplatz für die Bewegungen der Figuren. Sie finden dort selten Trost, aber manchmal Unterstützung für ihre Pläne. Denn, ja, die Protagonisten haben Pläne, doch sind es nie welche des Aufstiegs. Reichardts American Dream lautet eher "weitermachen" als "aufsteigen", eher "nicht alles verlieren" als "möglichst viel gewinnen".


Night Moves ist Reichardts bester Film und zugleich ihr radikalster. Denn hier steht alles auf dem Spiel: Die eigene Existenz und die der Erde. Lassen sich die beiden gegeneinander aufwiegen?

"It’s the end of the world, so what is there really to lose?", fragt Dena (Dakota Fanning), eine der drei Hauptfiguren, ziemlich am Anfang des Films. Gerade haben sie gemeinsam einen Dokumentarfilm über die fortschreitende Zerstörung der Erdoberfläche gesehen. Die anschließende Diskussion reicht von harmonisierenden Plattitüden über die Forderung nach vielen kleinen Veränderungen. Dena jedoch will lieber ein großes Zeichen setzen und das sofort: Gemeinsam mit ihrem guten Freund Josh und dessen Bekannten Harmon, einem Ex-Marine, plant sie einen Anschlag. Ziel ist die Sprengung des hydroelektrischen Staudamms, der den Fluss und die Täler von Oregon zerstört.

Aus der Normalität katapultiert

Im Gegensatz zu Wendy and Lucy, in dem die Hauptfigur schuldlos immer weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt wird, katapultieren sich die Protagonisten hier mit ihrer Tat auf einen Schlag selbst aus der Normalität hinaus. "Ich hab ihm natürlich meine Kreditkarte gegeben und es dann auf Facebook gepostet, damit all meine Freunde es auch sehen können", erwidert Dena noch scherzhaft auf die besorgte Nachfrage, ob sie den sprengstoffhaltigen Dünger auch ja in bar bezahlt habe. Handys tragen die drei schon lange nicht mehr bei sich. Denn Telefon, Facebook, Kreditkarten sind die Accessoires amerikanischer Bürger, die sorglos posten und parlieren, weil sie meinen, nichts zu verbergen zu haben. Für angehende Ökoterroristen gelten andere Regeln.