An seinem 85. Geburtstag bereiste Peter Scholl-Latour Osttimor – das letzte Land, das auf der Weltkarte für ihn ein weißer Fleck war. Nicht buchhalterische Gründe trieben ihn dorthin, sondern echtes Interesse, die Neugier aufs Leben, die Sucht, endlich einordnen zu können, was die Welt im Inneren zusammenhält und äußerlich zerreißt.

Es gibt Menschen, deren Bücher eine ganze Generation in ihrem Denken prägen. Hildegard Knef ist das 1970 gelungen mit ihrem stark biografischen Roman Der geschenkte Gaul oder eben Peter Scholl-Latour neun Jahre später mit Der Tod im Reisfeld. 1973 hatte er mit seinem Filmteam eine Woche in der Gefangenschaft des Vietcong verbrachte. Über 1,3 Millionen Käufer wollten sich von dem Reporter die 30-jährige Leidensgeschichte Indochinas erklären lassen. Nachkriegsrekord. Seit 1945 war kein Buch mehr so oft verkauft worden.   

Seitdem hat Peter Scholl-Latour den Deutschen das Weltgeschehen erklärt. Bis zuletzt gern in einer der zahlreichen TV-Talkrunden. Unermüdlich, eigenwillig und zuletzt immer berechenbarer gegen den Mainstream gebürstet. Doch dieser Weltenerklärer ist nun verstummt. Peter Scholl-Latour starb heute in seinem Haus in Rhöndorf bei Bad Honnef im Alter von 90 Jahren nach langer schwerer Krankheit. In wenigen Wochen soll sein neues Buch erscheinen.

"Das Böse existiert wirklich"

Er hatte schon embedded journalism betrieben, als dieses Wortungeheuer noch gar nicht erfunden war. Peter Scholl-Latour saß 1979 als einziger westlicher Journalist an Bord der Maschine, die den iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini vom Pariser Exil nach Teheran brachte.  

Geboren in Bochum am 9. März 1924 als Sohn eines saarländischen Arztes und einer Elsässerin besuchte er als Kind ein Jesuiten-Internat. Zwei Jahre nach  dem Abitur 1943 zog Peter Scholl-Latour mit französischen Fallschirmspringern in den Indochina Krieg. Zuvor, zum Ende des Zweiten Weltkriegs, geriet er bei dem Versuch, sich Titos Partisanenarmee anzuschließen, in die Fänge der Gestapo. "Damals habe ich in einen  Abgrund von Greuel geblickt", äußerte Scholl-Latour in einem Interview, "die Erfahrung hat auf mich wie ein Stahlbad gewirkt und mich gegen alle anderen Prüfungen abgehärtet. Ich habe in jenen Tagen entdeckt, dass das Böse wirklich existiert, im Christlichen würde man von der Erbsünde sprechen."     

Er habe der Traurigkeit, dem Grau Europas entkommen wollen, als er sich als französischer Elitesoldat nach Indochina meldete. Und natürlich landete er wieder an der Schnittstelle, wo der Mensch als des Menschen Feind zur Bestie wird. Bei der französischen Truppenlandung im indonesischen Hafen Haiphong "fanden wir drei Soldaten meiner Truppe, die sich unvorsichtig entfernt hatten, in einem Kanal wieder. Man hatte ihnen  die Augen ausgestochen, und sie waren entsetzlich verstümmelt. Dann ist es sehr schwer, bei der Truppe die Disziplin aufrechtzuerhalten, sie zu hindern, im verdächtigen Dorf Rache auszuüben und sich auszutoben."

Peter Scholl-Latour hat diese Erfahrungen publizistisch verwertet. Er gehörte zu den erfolgreichsten Sachbuchautoren Deutschlands. Dafür gab es neben Geld und Reputation viel Kritik. Seit dem Tod im Reisfeld sah er sich zunehmend Anfeindungen, auch seriöser Wissenschaftler, ausgesetzt. In einer unserer Begegnungen wehrte er sie ab mit der selbstbewussten Attitüde des Weltenbummlers: "Es gab Kampagnen gegen mich, man warf mir Dilettantismus vor, Antiamerikanismus, dass ich den Islam verdamme – alles Quatsch. Das Bundesverteidigungsministerium steht vielleicht nicht auf meiner Seite – aber die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan lesen meine Bücher und stimmen mir zu. Und türkische oder arabische Taxifahrer lehnen es oft als Ehrensache ab, von mir Fahrgeld zu nehmen."