Es ist ein Witz, mit dem Nessa Stein den unendlichen Nahost-Konflikt zusammenfasst: "Also", setzt sie in einer Rede vor ihren Stiftungsmitgliedern an, "Aliens beschließen, die Erde zu erobern. Sie zerstören New York und London und dann landen sie auf der Grenze zwischen Israel und dem Westjordanland. Für beide Seiten haben die Aliens eine einfache Botschaft: Widerstand ist zwecklos, legt eure Waffen nieder."

"Nun", setzt Stein ihre Pointe, "ich kann Ihnen jetzt nicht im Detail erzählen, was dann passiert, aber am Ende werden Sie Mitleid mit den Aliens haben." Das Publikum lacht, aus Erleichterung, dass es noch Menschen wie Nessa Stein gibt, die die Dinge mit so viel Abstand betrachten können.

Als Nessa nur eine Episode später, bei einem anderen Dinner, die gleiche Alien-Geschichte noch einmal erzählt und ihr Telefon mitten in der Pointe klingelt, weiß der Zuschauer bereits: Hier ist niemand, der den Schrecken im Nahen Osten mit Abstand betrachten kann, hier steckt jemand ganz tief in diesem Schrecken.

Die britische Mini-Serie The Honourable Woman, deren achte und letzte Folge gestern auf BBC2 ausgestrahlt wurde und die in Deutschland nur auf iTunes zu sehen ist, ist eine der meist diskutierten Serien der letzten Wochen – und nicht nur, weil sie vom Nahost-Konflikt handelt.

Die Amerikanerin Maggie Gyllenhaal spielt darin die charmante junge Philanthropin Stein, mit Durchsetzungskraft und britischem Akzent. Nessa stammt aus einer britisch-jüdischen Familie, von ihrem Vater hat sie einen Großkonzern geerbt. Einst galt die Stein Group als "Das Schwert Israels" und stellte Waffen her für die Verteidigung des noch jungen Staates. Als Kind musste Nessa mit ansehen, wie ihr Vater von einem palästinensischen Attentäter ermordet wurde. Als sie die Leitung des Unternehmens übernahm, schwenkte sie, ein Akt der Versöhnung, auf einen anderen Kurs um: Die Stein Group schmiedet keine Waffen mehr für Israel, sondern verlegt Glasfaserkabel im Westjordanland und stiftet Universitäten. Nessas Credo: Das Beste, was sie für die Sicherheit des israelischen Volkes tun kann, ist die wirtschaftliche Situation in Palästina zu verbessern.

Das klingt hoffnungsvoll, aber naiv? Das sieht Hugo Blick, der Autor und Regisseur von The Honourable Woman genauso – und macht vom ersten Moment an klar, dass er nicht die Mutmacher-Geschichte einer jungen Frau erzählt, die für den Weltfrieden kämpft. Schon in der ersten Episode wird Nessa Steins Ehrengast in seinem Hotelzimmer ermordet: ihr Partner-Unternehmer aus dem Westjordanland, erhängt am Mast der palästinensischen Flagge.

Bruchstückhafte Rückblenden und Andeutungen machen deutlich, dass diese Verbrechen nur die berühmte Spitze des Eisberges sind. Mehr als nur die Projekte der Stein Group stehen auf dem Spiel. Blick versucht gar nicht erst, den Nahost-Konflikt als politisches Lehrstück zu erzählen, sondern inszeniert ihn als britischen Agententhriller.

Blick vermeidet es dabei, mit seinen Verschwörungskonstrukten platte Anti-Israel-Polemik zu bedienen (obwohl am Ende eine politische Haltung deutlich wird, die nicht jeder teilen mag). Der Vorspann, Ton- und Bildfragmente, getaucht in gedeckte Farbe, zitieren dabei als Vorbild die amerikanische Showtime-Serie Homeland.