Der Regisseur Abel Ferrara © Tiziana Fabi/AFP/Getty Images

Gibt es heute überhaupt noch einen Regisseur, der mit seinen Filmen so sehr provoziert wie seinerzeit Pasolini? Die Frage des italienischen Journalisten ringt Abel Ferrara ein verschwörerisches Lachen ab: "We‘re trying, man, we’re trying! Wir versuchen’s wirklich! Aber er war ein Löwe und wir sind bloß Hasen!" Dennoch freut es Ferrara, als Nachfolger des italienischen Enfant terrible zumindest infrage zu kommen. Das sieht man ihm an.

Abel Ferrara ist nicht einfach der bad boy Hollywoods. Das wäre viel zu harmlos ausgedrückt. Er ist der angry man, eine Art grimmiges Gewissen der amerikanischen Großstadt. Mit seiner Affinität zu Drogen und Gewalt machte sein korrupter Bad Lieutenant (1992) den Gangstern Konkurrenz, Strauss-Kahns Alter Ago Devereaux holte sich in Welcome to New York (2014) die Gespielinnen für seine unerschöpfliche Sexgier bis in die Chefetage des IWF. Mit Pier Paolo Pasolini porträtiert Ferrara nun eine italienische Künstlerlegende – und wagt sich damit in zweifacher Hinsicht auf fremdes Terrain.

Denn obgleich Ferrara italienische Wurzeln hat, ist er in Venedig für die einheimische Presse und das Publikum doch zuerst ein Amerikaner, der es sich anmaßt, ihren rebellischen Helden zu porträtieren. Der Regisseur, Romanautor, Dichter, Journalist und politische Aktivist "PPP", wie er in Italien liebevoll genannt wird, ist als größter italienischer Linksintellektueller der Nachkriegszeit gerade für alle Anti-Berlusconianer eine hochverehrte Referenz. Und dann soll er in einem Film plötzlich Englisch sprechen?


Es war darum ein ziemlich kluger Schachzug von Ferrara, sich die Unterstützung gleich mehrerer alter Bekannter Pasolinis zu sichern. Seine Schauspielermusen und Freunde Ninetto Davoli (Teorema, Il Decameron) und Adriana Asti (Accattone) sitzen nun bei der Pressekonferenz quasi als Bürgen für den angemessenen Umgang mit Pasolinis künstlerischem Erbe neben dem Amerikaner Ferrara.

Besonders der inzwischen weißgelockte Ninetto Davoli zeigt sich strahlend und in Plauderlaune: Wunderbar verstanden habe er sich mit Ferrara, gerade deshalb, weil sie beide solche Sonderlinge seien! Und Adriana Asti, die im Film die Mutter spielt, ergänzt: Schon Pasolini habe ja aus seinen Schauspielern immer gemacht, was er wolle. Genau das habe sie bei Ferrara wiedererkannt – da hätten beide Regisseure wirklich das gleiche Talent.

Ein wenig skeptisch bleibt die italienische Kritikerschar dennoch. Warum er seinen Film denn "Pasolini" genannt habe, wo er doch bloß die letzten Tage aus dessen Leben zeige? "Die letzte Nacht Pasolinis" schiene ihm da ein weitaus passenderer Titel, merkt ein junger Journalist kühn an. Von Ferrara bekommt er dafür erst einmal amüsiertes Lachen. Davoli dagegen wirft sich gleich für das Werk in die Bresche: Es sei ein Film über Pasolini, da gebe es gar keinen Zweifel. Da könne das Werk ja wohl auch so heißen. Außerdem: "Selbst in 48 Stunden könnte man Pier Paolos ganzes Leben nicht erzählen!"

Pasolini ist alles andere als ein einfühlsames Biopic, bei dem der Zuschauer am Ende das Gefühl hat, das Leben einer Person kennengelernt, gar verstanden zu haben. Ferraras Pasolinientzieht sich. So nah man ihm bei all seinen letzten Treffen vermeintlich folgt – den Gesprächen mit Journalisten, dem Frühstück mit seiner Familie, den gierigen Begegnungen mit Stricherjungen am Stadtrand von Rom – so fern bleibt man dennoch dem Mensch Pasolini. 

Ein sich zurücknehmender Gesprächspartner

Vielleicht liegt das auch daran, dass Pasolini sich in fast allen Szenen in Gesellschaft befindet. Dort ist er stets höflich, beinahe als wolle er sein Gegenüber mit seiner scharfen Intelligenz und überbordenden Fantasie, seinem unbedingten Engagement und seiner Arbeitswut nicht überfordern. Auch als ein Journalist von La Stampa Pasolinis radikaler Gegenwartskritik offen mit Unverständnis begegnet, wirkt der nachdenkliche Mann eher traurig als wütend, wenn er konstatiert: "So wie Sie meine Positionen ausdrücken, klingen sie lächerlich."

Wenig gemeinsam scheint der Künstler mit den extremen, gewalttätigen Figuren aus Ferraras früheren Filmen zu haben. Doch der Eindruck täuscht: Pasolini war durchaus kompromisslos und exzessiv in seiner Arbeit und Sexualität. Die innere Welt des Künstlers, seine Fantasien und Träume, zeigt der Film in zahlreichen imaginierten Film-im-Film-Szenen: So zeigt er zum Beispiel Ninetto Davoli und Riccardo Scamarcio als schwules Paar zu Besuch in einer Stadt, die Homosexuellen jegliche Freiheit verspricht. Der erste Weg führt das Paar zu einer großen Orgie, die zugleich wild und rituell zelebriert wird.

Ferrara verwendet aber auch einige Originalzitate und –filmszenen Pasolinis. Fast scheint es, als wolle er sich hinter seinem Vorbild möglichst stark zurücknehmen. Gerade in der Zurückhaltung gegenüber einem Helden, der in seiner getriebenen Entschiedenheit den Rhythmus des Films vollkommen bestimmt, ist Pasolini letztlich doch ein typischer Ferrara-Film.

Tatsächlich könnte die Figur, die da 1975 neben einem Stricherjungen im Auto sitzt, auch ebenso gut durch New York fahren, gibt Ferrara zu. Nicht um das konkrete Leben Pasolinis gehe es ihm vorrangig. "Ich sehe da jemanden, der gegen den Strom schwimmt, sein eigenes Ding macht, eine große innere Stärke hat." Das sei es auch, was ihn schon immer an Pasolinis Werk fasziniert habe. Ferrara stockt kurz, dann ergänzt er grinsend: "Eigentlich doch ein sehr American Way of Life!" Ob nun Ferrara als Italiener oder Pasolini als Amerikaner – zwischen Brüdern im Geiste zählen Staatsangehörigkeiten ohnehin wenig.