"Ach, das spricht doch für die Kunst, dass man bereit wäre, ihretwegen zu töten!" Mit einem einzigen Satz nimmt Fatih Akin der Aufregung im Vorfeld alle Schwere. Was er denn dazu sage, dass sein Film "das Böse heraufbeschwöre", obwohl er doch von Menschlichkeit handle, lautete die erste Frage bei der Pressekonferenz. Doch an Skandalisierungen habe der Regisseur überhaupt kein Interesse, sagt er: "Ich hatte ja sieben Jahre Zeit, mich auf die Reaktionen vorzubereiten – das überrascht mich alles nicht." Ein einziger Tweet sei es doch bloß gewesen, der die ganze mediale Aufregung verursacht habe. "Leute, ihr seid doch Filmkritiker, keine Politikjournalisten", wird er später im Interview noch sagen.

In Venedig wirkt Akin wirklich alles andere als eingeschüchtert. Gut gelaunt ist er und voller Energie. Zu Beginn der Pressekonferenz saß er mit seinem Drehbuch-Ko-Autor Mardik Martin bereits allein vor den Journalisten und weil die zuständige Dame von den Filmfestspielen noch nicht anwesend war, eröffnete der Regisseur die Veranstaltung einfach schon mal selbst: Er forderte Applaus für Mardik Martin, den beeindruckenden älteren Herren, der in den 1970er Jahren durch seine Zusammenarbeit mit Martin Scorsese Filmgeschichte schrieb. Eigentlich schon lange seine Rente genoss. Und nun hier in Venedig neben ihm sitzt.

"He's back!", verkündet Akin vergnügt. Und Martin revanchiert sich seinerseits mit einem enthusiastischen Lob: Dieser Film, an dem er da mitarbeiten durfte, der werde bleiben und auch in hundert Jahren noch Menschen berühren. Denn was zähle, sei ja das Erzählen einer guten Geschichte – und darin sei Akin nun einmal ein Meister.

"Once upon a time in the ottoman empire..." Wie um dieses Erzähltalent zu demonstrieren, borgt sich Akin für den Anfang von The Cut gleich die berühmteste Eröffnungssilbe aller Zeiten: "Es war einmal." Doch die Geschichte, die er dann erzählt, ist nicht märchenhaft. Oder vielleicht doch?

Sie handelt vom jungen Schmied Nazaret (Tahar Rahim). Eben noch hat er seine Zwillingstöchter von der Schule abgeholt, allen frohe Ostern gewünscht (ein erster Hinweis auf den christlichen Glauben, der die meisten Armenier von den Türken trennte), seine Frau bei der Begrüßung fröhlich mit Ruß verziert. Doch schon in der folgenden Nacht wird er von türkischen Soldaten abgeholt, eingezogen zur Zwangsarbeit. Was darauf folgt, sind die Stationen des Grauens, die Schätzungen zufolge mehr als eine Million Armenier erlebten: Erst muss Nazaret unter härtesten Bedingungen im Steinbruch schuften, dann soll er zusammen mit all seinen Leidensgenossen getötet werden, sofern er sich nicht zum islamischen Glauben bekenne.

Nazaret überlebt. "Wie durch ein Wunder", ist man versucht zu sagen. Doch eigentlich ist es kein Wunder, sondern immer wieder die Güte einzelner Menschen, die ihn rettet. Statt ihm, wie befohlen, die Kehle durchzuschneiden, sticht ihm etwa ein ehemaliger Sträfling, der von der türkischen Armee zum Töten verpflichtet wurde, mit Absicht lediglich in den Hals. Nazaret verliert dadurch zwar seine Stimme, nicht aber den unbedingten Willen, seine Familie wiederzufinden.

Ist The Cut ein gerechter Film?

So beginnt eine Odyssee, die die Hauptfigur von Aleppo über den Libanon nach Havanna, Minneapolis und schließlich North Dakota führt. Eine Mischung aus Kriegsfilm und Western sei The Cut eigentlich, so der Regisseur. Inspiriert habe ihn auch die Kinoerfahrung seiner Kindheit. Filme, die zum Teil eher kriegs- und gewaltverherrlichend gewesen seien und ihm heute deshalb gar nicht mehr besonders gefielen. Aber die amerikanische Filmsprache sei dennoch wichtig für ihn – besonders bei The Cut.

Was ihm von Kritikern vorgeworfen werde, sagt Akin im Interview, sei gerade diese Ästhetik, die er gewählt habe, um den Film möglichst zugänglich zu gestalten. Überrascht sei er von den teils harschen Verrissen schon, gibt er zu. Schockiert wirkt er aber nicht, eher neugierig, was da noch kommen mag. Man könne eben nie so genau wissen, wie ein Werk aufgenommen werde: Von Gegen die Wand, dem ersten Teil der Liebe, Tod und Teufel-Trilogie, waren alle hin und weg. Und jetzt, bei The Cut als ihrem Abschluss, eben nicht.

"Zum Glück mache ich die Filme ja immer erstmal für mich", sagt der Regisseur. Der Völkermord an den Armeniern sei ein Thema, das ihm regelrecht unter den Nägeln gebrannt habe. Es gehe ihm dabei vor allem um Empathie für die Minderheit, um eine möglichst breite Rezeption gerade in der Türkei – und nicht darum, die Filmkunst zu revolutionieren.

Ist Akin mit The Cut also so etwas wie ein gerechter Film über Krieg und Völkermord gelungen? Kann es so etwas überhaupt geben, wo doch bekanntlich das erste, das in jedem Krieg verlorengeht, die Wahrheit ist? Wenn der politische Umgang mit einem Unrecht allerdings so lange eine Seite benachteiligt hat, wie das hier der Fall ist, schiene ja auch ein Ausgleich durchaus gerechtfertigt.

Das Kino als Rettung

Der Film ist zwar konsequent aus der Sicht seiner Hauptfigur erzählt. Der Zuschauer erlebt die Bedrohung, Verzweiflung und Hoffnung mit Nazaret, und natürlich ergreift er deshalb auch automatisch für ihn Partei. Doch The Cut ist dennoch kein eindimensionaler Blick auf diesen weitgehend vernachlässigten Teil des Ersten Weltkriegs. Akin will zwar vor allem vom Leid der Armenier erzählen, doch er malt deshalb nicht in Schwarz-Weiß. Entscheidend ist dabei eine Szene genau in der Mitte des Films: Sie zeigt, wie die besiegten Türken aus Aleppo abziehen. Die Einwohner bilden um sie herum eine lange Gasse, beschimpfen sie und werfen mit Steinen. Auch Nazaret steht dabei, einen Stein bereits in der Hand. Doch dann sieht er, wie ein kleiner türkischer Junge, der an der Hand seiner Mutter geht, getroffen wird: Seine Stirn blutet, die Mutter reißt entsetzt die Augen auf, er weint. Hier wird ein Unrecht mit einem weiteren vergolten. Und Nazaret lässt den Stein fallen.

Ein bisschen märchenhaft ist die Geschichte dann eben doch. Es ist nicht Akins Sache, Leid als ausweglos zu zeigen. Lieber erzählt er, wie ein Film Hoffnung geben kann, auch inmitten des Leids. 1921 gastiert in Aleppo ein Wanderkino. Die Armenier sind gerade wieder frei, doch leben sie als Flüchtlinge in Massenunterkünften, viele haben die ganze Familie verloren, überall wird mit Anzeigen nach Vermissten gesucht. Und dann die Filmvorführung: Charlie Chaplins The Kid. Die Zuschauer lachen, aber nicht nur. Denn auch der Stummfilmheld hat Angst um sein Kind. Nazaret ist von dem Film zu Tränen gerührt. Und trifft kurz danach auf einen Freund, der ihm erzählt, seine beiden Töchter seien noch am Leben.

Das Kino als optimistischer Spiegel der Realität, als Rettung gar? Man mag das naiv finden, gar kitschig. Oder aber man sieht einen Kriegsfilm, in dem noch nicht alle Hoffnung verloren ist.