Filmstill aus "Im Krieg – der 1. Weltkrieg in 3D"

Statt sterbender Soldaten oder hungernder Zivilisten sieht der Kinogänger gefällige Naturaufnahmen: Dünen mit wogendem Gras, weite Strände – alles dreidimensional und unterlegt mit süßlichen Klängen. "Der Sommer war schön wie nie und versprach, noch schöner zu werden", sagt eine Stimme aus dem Off. Dann folgen Bilder aus einem Nordseebad bei Ostende in Belgien. Gäste aus ganz Europa vergnügten sich hier im Frühsommer 1914: Herren in Badeanzügen, Damen in Strandkostümen, spielende Kinder.

Mehr als 20 Minuten vergehen, bis der Film Im Krieg – der 1. Weltkrieg in 3D sich allmählich seinem eigentlichen Thema zuwendet. Uniformierte Soldaten sind zu sehen, die durch verschiedene europäische Hauptstädte marschieren. Wann und wo die Bildaufnahmen entstanden sind, wird weder eingeblendet, noch in den Audio-Kommentaren verraten. Erst nach einer halben Stunde setzt sich der Film tatsächlich mit dem Krieg auseinander. Doch das Geschehen an der Front bleibt ebenso abstrakt wie das Leben in den Heimatländern der Soldaten. Zwar lesen mehrere Sprecher aus persönlichen Erinnerungen von Zeitzeugen vor. Was genau jeweils zu hören ist – ob Tagebucheintrag, Briefausriss oder öffentlicher Apell, aber auch von wem die Zitate stammen – all das bleibt bis zum Abspann das Geheimnis des Filmteams. Informationen, die über diese Ich-Dokumente hinausgingen, fehlen.

Vor allem fehlt dem Film eine Dramaturgie. Die Dokumentation, die an diesem Donnerstag 100 Jahre nach Kriegsbeginn in die Kinos kommt, erzählt chronologisch den Verlauf des Konflikts an der Westfront nach. Dabei lässt der Film jenseits der zeitlichen Abfolge jeden Leitgedanken vermissen. Besonders macht ihn lediglich das historische Bildmaterial: Fotos aus den Jahren 1914 bis 1918, nachkoloriert und Dank der Stereoskopie, einer besonderen Art der Fotografie, die Tiefenwirkung ermöglicht, mit 3D-Effekt. Diese Stereoskopien sind sehenswert und dürften dem Film den Publikumspreis beim Freiburger Filmfest eingebracht haben.

Doch die Aufnahmen folgen einander, ohne irgendeine Spannung zu erzeugen. Der Film wirkt eigenartig entschleunigt, als stamme Im Krieg aus derselben Zeit, wie das gezeigte authentische Material. Er überzeugt als Dokumentation nicht. Zumal die verlesenen Notizen von Zeitzeugen dringend einer Einordnung bedurft hätten. Die bleibt aber aus. So heißt es zu Beginn, aus der Zeit vor dem Kriegsausbruch, dass man an barbarische Rückfälle wie Kriege zwischen den Nationen so wenig glaubte wie an Hexen und Gespenster. Doch das stimmt nicht. Es gab vor 1914 sehr wohl Mahner, die vor einem globalen Konflikt mit fatalen Konsequenzen warnten – sogar unter den Militärs. Von diesen Stimmen ist keine zu hören. An anderer Stelle heißt es über den Weltkrieg: "Niemand in Frankreich wollte ihn". Was ebenso falsch ist, wie die Aussage, Deutschland hätte keine Schuld an dessen Ausbruch.

Wenig später, in einem Abschnitt des Films, der den Weg der Soldaten in den Krieg zeigt, sagt ein Sprecher: "Wir fahren über Metz, der Front entgegen." Und: "Wir spielen Frontsoldaten." Wer da spricht, bleibt wie immer unklar. Anscheinend handelt es sich um einen deutschen Militär. Zu sehen sind aktuelle Aufnahmen von Schienen der Bahn, zu hören ist opulente Orchestermusik und das Geräusch einer Lokomotive. Hatte der Regisseur Nikolai Vialkowitsch keine historischen Aufnahmen vom Truppentransport an die Front? Vermutlich nicht für anderthalb Stunden auf einem großen 3D-Screen. So ergänzt er historische Bilder durch Videoaufnahmen aus der Gegenwart. Das Team drehte dafür an "Originalschauplätzen". Doch wo die Bilder entstanden, wird während des Films nicht gesagt. Es gibt keine Untertitel, keine Karten, keine Hilfestellung für die Zuschauer. Die Bilder werden ausschließlich durch die Zitate der Sprecher ergänzt, doch längst nicht immer passen Fotos und Tonspur eindeutig zueinander.