Dieser Film hat einen unheimlichen Effekt: Er scheint die Kinoleinwand regelrecht auszudehnen. In der Horizontalen des Bildes ist so viel Raum, als befände man sich nicht im Kino, sondern in einem Rundumpanorama. Allerdings muss hier ja auch einiges Platz finden: Die schier unendliche Weite der griechischen Ägäis, die grenzenlose Grausamkeit menschlicher Trägheit, die beinahe ebenso große Stärke menschlicher Güte.

Nadja (Maria Kallimani) ist die perfekte Hausangestellte: Freundlich, gewissenhaft, diskret. Das Upperclass-Paar mit Kind, bei dem sie schon seit 25 Jahren arbeitet und lebt, verkündet gerne stolz, sie gehöre quasi zur Familie. Als die junge Immigrantin und Mutter damals Arbeit brauchte, hat es sie aufgenommen, ihrer Tochter eine gute Ausbildung bezahlt. Doch die vermeintliche Gleichheit hat Grenzen. So darf Nadja zwar meist gemeinsam mit der Familie zu Abend essen, aber natürlich ist sie es, die aufsteht, um Getränke nachzuschenken. Mutter Evi bietet Nadja zwar an, sie vom Arzt abzuholen, aber Nadja muss dort hinterher geduldig auf sie warten. Und "Wir gehen heute alle zusammen auf ein Fest" bedeutet in Wahrheit, dass Nadja die Haushaltshilfe dort beim Bedienen unterstützt.

Um solche subtilen Formen der Machtausübung geht es in Sto Spiti. Sie sind besonders perfide, weil sie eher unterschwellig wirken. Klar, wer möchte heute noch ganz offen ein Sklavenhalter sein? Befehle sind freundlichen Bitten gewichen, Strafen wohlmeinenden Ratschlägen. Und wer sich als Teil der Familie fühlt, der achtet auch nicht so auf seine Überstunden.

Wenn Nadja ehrgeizig das Laken auf dem Wäscheständer bearbeitet, bis es auch wirklich ganz glatt hängt, dem Hausherren sorgfältig den Kragen zurecht rückt, stets die passenden Gläser für die diversen Drinks auswählt, wird die Würde sorgfältiger Arbeit spürbar. Nein, Nadja wird nicht vergessen, Iris, der Tochter des Hauses, ihr Sandwich zu bringen. Und sie wird die Familie eben auch nicht anzeigen, als sie ihr fristlos kündigt, sobald sie von Nadjas chronischer Krankheit erfährt.

"Sie ist doch wie eine Schwester für mich", hält Evi zunächst noch halbherzig dagegen, als ihr Mann verkündet, dass sie sich in Zeiten der Wirtschaftskrise nun wirklich keine Kranke im Haus leisten können. Doch zugleich würde sie für keine Haushälterin der Welt auf die Barrikaden gehen. Sie gehört zu jenen, denen kühle Drinks serviert werden – und sie sich nicht selbst einschenken.

Wie unter Tiefdruck verdüstern sich die Verhältnisse im weißen Wohnkubus über dem Meer. Dabei wird der Umgangston niemals rau. "Du weißt, wie sehr wir dich lieben. Aber wir fürchten, dass wir dich nicht länger bei uns haben können." Die brutale Kündigung wirkt glatt und kühl, wie die gestärkten Laken, mit denen Nadja eben noch die Betten frisch bezogen hat. Sie selbst schweigt und geht dann zurück an die Arbeit.

Die Haltung des Films ähnelt jener der Hauptfigur: Die wütende Anklage ist seine Sache nicht. Zurückhaltend bis ins Unerträgliche, demütig beinahe, verliert er wie Nadja nie die Contenance. Ja, zwischen den weißen Gemäuern und dem prächtig tosenden Meer spielt sich eine menschliche Tragödie ab. Aber ist das denn ein Grund, ausfallend zu werden, anklagend den Zeigefinger zu erheben, sich zu Großaufnahmen hinreißen zu lassen?