Der Regisseur Billy Wilder legte sich stets Zettel und Stift neben das Bett, um Gedanken im Schlaf sofort notieren zu können. Eines Nachts glaubte er, die ultimative Idee für den perfekten Film gefunden zu haben und kritzelte sie nieder. "Als ich am nächsten Morgen auf den Zettel schaute, stand da nur ‚Boy meets girl’."

Die Fernsehdirektorin des Bayerischen Fernsehens, Bettina Reitz, erzählt die Geschichte ganz gerne – auch um den universellen Anspruch zu untermauern, den der BR mit seinem jüngsten Eigengewächs hat. Es hört auf den Namen MANN/FRAU, ist produziert von Christian Ulmen und dauert jeweils nur drei Minuten. Im Netz waren die ersten Folgen schon ab 3. September zu sehen, ab Freitagnacht (23.25 Uhr) laufen sie nun auch im Bayerischen Fernsehen. Ein weiterer Schritt zur Selbstentleibung eines klassischen Mediums oder ein überfälliger Versuch, bei der Generation Y endlich Boden gutzumachen?

Denn warum sollte man in Zeiten knapper werdender Zeitbudgets noch eine Folge How I met your mother schauen, wenn man das Exzerpt davon auch in drei Minuten werbefrei beim BR abrufen kann? Zugegeben: Ganz so sophisticated wie die US-Serie ist der Stoff, den sich das Geschwisterpaar Jana und Johann Buchholz ausgedacht haben, nun doch nicht. Auch wenn Christian Ulmen als Barkeeper ab und zu ein paar "Herr Lehmann"-Sprüche raushaut.

Viele der Dialoge sind leider so unoriginell wie die Serien-Unterzeile "Aus dem chaotischen Leben zweier Großstadtsingles". Wenn etwa in der Folge Geht gar nicht die Frauen an ihrem bad hair day im Bett thronen und über Typen lästern, "die beim Sex Socken anlassen, beim ersten Date die Rechnung teilen oder ihr Profilbild so anschneiden, dass niemand sieht, dass sie eine Glatze haben, Nägel kauen oder "bumsen" sagen ", ist das wenig originell.

Dennoch hat das Format seinen Reiz, was vor allem der hypernervösen Erzählweise geschuldet ist, die einen mauen Gag gar nicht erst krepieren lässt, weil schon die nächste Sequenz unsere ganze Aufmerksamkeit verlangt. In einem Dreiminutenformat den Anschluss zu verlieren ist nämlich echt hart. Da schlägt dann Online das Fernsehen, denn hier kann man sich die Sache schnell noch einmal anschauen. Der Autor Johann Buchholz sagt, er habe sich an dem Film Trainspotting orientiert, um die Szenerie zu verdichten. "Das geht nur durch extrem schnelles Drehen und Reden."

Zwischentöne sind nicht gefragt

Was passiert sonst in den drei Minuten? In Folge 1 wird MANN (gespielt vom etwas zu bussibärhaften Mirko Lang) von seiner Freundin verlassen, weil er zwar immer den teuersten Champagner bestelle, die Rechnung aber dann seiner Liebsten hinlegt. Bis er FRAU (eine echte Entdeckung: Lore Richter) trifft, gehen ein paar Dreiminüter ins Land. In der Zwischenzeit gibt es ein paar skurrile Sexdialoge ("Das war schön, darf ich jetzt in den braunen Salon?"), ein eifersüchtiges Überwachungsszenario per Handy und Facebook und den scheinbar unvermeidlichen Friedrich Liechtenstein – hier als Nachbar – der offenbar gerade durch jede angesagte Serie geistern muss.

Wenn das hier alles ein wenig unentschlossen klingt, liegt das auch an der stark schwankenden Qualität der Folgen, die streng getrennt von einem Männer- und einem Frauenteam gedreht wurden. Zwischentöne sind in dieser plakativ mit den Geschlechterstereotypen spielenden Serie nicht gefragt.

Schwer zu sagen, wen das dann wirklich interessiert. Im Netz wurden die bisher dort veröffentlichten 4 Folgen bisher 80.000 mal aufgerufen. Offenbar will selbst in Zeiten von Speeddating niemand Liebe und Scheitern in drei Minuten erzählt bekommen.

Verbrauch des Autors währen der Sendung: Ein großes Stück Zartbitterschokolade und einen Gin Tonic für die Nerven

Persönliche Wertung: Sieben von zehn EwanMcGregors auf der Trainspotting-Skala