Es gibt den Täter in der Person des verklemmt wirkenden Musiklehrers Manni, dessen realem Vorbild seine Hässlichkeit den Spitznamen "Frosch" eintrug und der Kinder zur Musik von Richard Strauss, für ihn "die größte, reinste Musik", in sein Bett holt. Da sind die Mitläufer in Hippiehemdchen, wie die schlichte Ulrike. Und Vera, die sich für eine erfahrene Lehrerin hält aber die reformpädagogischen Glaubenssätze bloß nachplappert.

Auf Petras Schilderung der Beobachtung im Wald etwa antwortet sie: "Wenn der Schüler ein Problem damit hätte, hätte er es doch gesagt." – "Vielleicht hat er sich nicht getraut", antwortet Petra. "Das gibt es bei uns nicht, dass sich einer nicht traut", gibt Vera zurück. Petras Versuch, Pistorius zu stürzen, misslingt. Als der die Oberhand behält, sie vor dem versammelten Kollegium verhöhnt und sie statt ihm die Schule verlassen muss, ist das für den Zuschauer schier zum Verzweifeln.

Hoffnung als dramaturgischer Kniff

Der Haken ist: In Wahrheit gab es keine Petra Grust. Zwar hatte der Schulleiter Becker seine Kritiker, doch die verließen die Schule meist wieder schnell, sie machten sich aus dem Staub oder wurden vom Hof gejagt.

Dramaturgisch mag man Petras Funktion nachvollziehen können. Doch gegen die Teil-Fiktionalisierung, die Vermischung von glasklaren Details und einer erfundenen zentralen Figur, läuft nun einer Sturm, der im Film selbst mühelos zu erkennen ist: Andreas Huckele, der in seinem Buch Wie laut soll ich denn noch schreien?! sehr offen – und sich selbst gegenüber rücksichtslos – über das schrieb, was ihm an der Odenwaldschule widerfahren ist. Huckele ist es zum ganz großen Teil zu verdanken, dass der Skandal überhaupt öffentlich wurde. Er sagt: "Im Kollegium der Odenwaldschule gab es niemanden, der uns helfen wollte." Vor allem aber sieht er sich und die Biografien anderer ausgebeutet. "Röhl hat mich beklaut." Am liebsten würde Huckele die Ausstrahlung verhindern. Er lässt sich von dem bekannten Medienanwalt Christian Schertz vertreten.

Ähnlichkeit der Opferberichte

Der Regisseur Röhl entgegnet, der Film schildere keinerlei Ereignisse, die nur Huckele widerfahren seien. Viele Opferberichte glichen sich schließlich bis ins Detail. Die Figur Petra Grust habe man erdacht, um zu zeigen, auf welche Abwehrmechanismen jemand stößt, der anderen über den beobachteten Missbrauch berichten will. Ist es legitim, eine Schlüsselfigur zu erfinden, eine die in der Wirklichkeit die Geschichte vielleicht gedreht hätte, während andererseits sogar die Wohnung des Direktors bis ins letzte Detail nachgebaut wurde? Andere Betroffene haben sich positiv über den Film geäußert, finden, er sei "ausgezeichnet" oder er "tue gut".

Röhl gelingt es doch, und das ist die Stärke des Films, Mechanismen des institutionellen Missbrauchs aufzuzeigen, wobei die Gewalt zwischen den Schülern kaum thematisiert wird. Die hatte nach vielen Berichten exzessive Ausmaße an der Odenwaldschule und natürlich gehört sie zum Gesamtbild. Dass Missbrauch zu einem unfreiwilligen, grauenvollen Lebensthema für die Betroffenen wird, deutet der Film am Ende immerhin an. Die Drehbuchautoren sagen, der Film sei "überaus nah an der Realität." Doch die eine Realität gibt es genauso wenig, wie die Betroffenen eine homogene Masse sind. Huckele sagt über seine Wirklichkeit: "Sie war viel brutaler und hoffnungsloser."

"Die Auserwählten" läuft am 1. Oktober um 20.15 Uhr in der ARD.