Matthew Warchus ist reserviert, von englischer Höflichkeit. Er spricht überlegt, mit einer Spur von Ungeduld. Und er weiß, was er will – oder auch, was er zum Beispiel nicht über seinen Film Pride lesen will: dass der nämlich, wie jetzt die englische Presse oft schreibt, ein Feelgood-Film mit dunklen Untertönen sei.

Pride erzählt die wahre Geschichte eines Bergarbeiterstreiks in Wales in den achtziger Jahren. Eine Handvoll schwuler Londoner Aktivisten beschließt, die Streikenden zu unterstützen, sie sammeln viel Geld und fahren in die ferne Provinz. Was folgt, ist ein Zusammenstoß der Kulturen. Auf der einen Seite die Londoner Paradiesvögel in einer Ära, in der wütende Schwulenfeindlichkeit noch grassierte, auf der anderen die bodenständigen, walisischen Arbeiter, deren Minen vor der Schließung stehen. Viel gemeinsam scheinen sie nicht zu haben, außer auf jeweils andere Weise in schwierigen Umständen zu leben und gegen die unerbittliche Politik Margaret Thatchers zu kämpfen. Der Annäherungsprozess ist kompliziert, peinlich und witzig. Die komischen und tragischen Momente bleiben in Pride in einer sensibel bemessenen Balance.

Der wachsenden Hoffnungslosigkeit der Streikenden begegnen die jungen Hauptstädter mit trotzigem Schwung und gelegentlichen Party-Einlagen. So sei das Leben, sagt Matthew Warchus: ein Wechsel aus Ernst und Heiterkeit. Und das sei eben gerade nicht "feelgood". Zumindest nicht nur: "Das Wort ist sehr reduktiv, es klingt zynisch und als sei das Sujet nebensächlich gewesen, um ein möglichst großes Publikum anzusprechen." Ihm geht es aber darum, eine auch in England fast vergessene Geschichte zu erzählen, an die sich nur noch die erinnern, die damals beteiligt waren. Es sei einerseits aufregend, sagt Warchus, dass man die Vorgänge heute dem richtigen Publikum erzählen könne: "Auf der anderen Seite ist es sehr traurig, dass sie in Vergessenheit geriet. Es erinnert daran, wie Geschichte funktioniert: wie man so viel bewirken und doch fast verschwinden kann."

Was will er also mit seinem Film, der so offenkundig voller Botschaften steckt, erreichen? Das Publikum an den Streik erinnern? Oder einen in unserer Gesellschaft möglicherweise aus der Mode gekommenen Sinn für Solidarität feiern – wofür ihn das Gros der englischen Presse gewissermaßen mit Tränen in den Augen liebte? Oder will Warchus nach all den Lobreden auf Margaret Thatcher nach deren Tod ihr Bild in seinem Sinne zurechtrücken – wofür ihn Daniel Johnson in der Times streng tadelte und ihm politische Naivität unterstellte? Warchus, der in der linksliberalen Tageszeitung Guardian erzählte, wie er selbst in seiner Kindheit zum Mobbing-Opfer wurde, sagt: "Der Film berührt all diese Themen. Aber sein Kern sind Toleranz und Mitgefühl. Wir leben sehr individualisiert. Zwar sind wir digital miteinander verbunden, aber wir interagieren kaum mehr in Gruppen. Der Film führt zurück in eine Zeit, in der das noch geschah. Auch gibt die Globalisierung den Menschen das Gefühl, sehr klein und unbedeutend zu sein. Der Film soll daran erinnern, dass man mit etwas Fantasie viel bewirken kann."