Es ist ruhig geworden um Charlotte Roche. Seit sie im ZDF nicht mehr gemeinsam mit Jan Böhmermann Gäste empfängt, ist die ehemalige Viva-Zwei-Moderatorin im Fernsehen absent. Sie hat auch schon lange niemandem mehr öffentlichkeitswirksam Sex angeboten – wie seinerzeit dem Bundespräsidenten Christian Wulff, von dem sie im Gegenzug den Atomausstieg forderte. Als die Verfilmung ihres Debütromans Feuchtgebiete (Regie: David Wnendt) vergangenen Herbst in die Kinos kam, wurde noch einmal kurz die Debatte aufgewärmt, wie künstlerisch wertvoll ein Buch (und nun ein Film) über Körperflüssigkeiten sein könne. Es gab Entwarnung: Der Film war im Vergleich zum Buch "niedlich-appetitlich". Die Zeiten, in denen jedes Wort von Charlotte Roche einen kleinen Skandal auslöste, scheinen vorbei zu sein.

Nun folgt Schoßgebete, ein Film, der auf Roches zweitem Roman basiert und zu der Stille passt, die die Autorin derzeit aussendet. Sönke Wortmann hat ihn gedreht und beeindruckende Bilder für das schlimme Trauma gefunden, um das es geht. Elizabeth Kiehl (Lavinia Wilson) hat drei Geschwister bei einem Autounfall verloren – auf dem Weg zu ihrer Hochzeit. Als die Handlung des Films neun Jahre später einsetzt, ist Elizabeth um die Dreißig, hat eine Tochter und einen neuen Partner (Jürgen Vogel). Noch immer ist der Unfall das bestimmende Element in ihrem Leben. Von ihm gehen alle ihre Ängste aus, er ist der Grund für ihre ständige Beschäftigung mit dem eigenen Tod und für ihr zwanghaftes Sexleben.

Mit ihrer Therapeutin Frau Drescher (Juliane Köhler) arbeitet sie den Unfall auf. Die Gespräche funktionieren dabei wie Kapitel: Elizabeths Hass auf die Zeitung, die nach dem Unfall gegen ihren Willen über ihre Familie berichtete, ihr schlechtes Gewissen, den Vater ihrer Tochter verlassen zu haben, die gemeinsamen Bordellbesuche mit ihrem neuen Mann. Durch die Therapiegespräche erhält der Film die Ich-Erzählerin der Buchvorlage. Den Ton des Buches trifft er nicht, der ist weitaus drastischer.   

Von der Person Charlotte Roche ist Schoßgebete kaum zu trennen. Sie hat 2001 ihre Brüder bei einem ähnlichen Unfall verloren und später gegen die Bild-Zeitung geklagt. Dies zu wissen, macht die Rezeption beklemmend. Autobiografisch ist der Film trotzdem nicht. Roche testet mit Vorliebe Grenzen aus, auch die zwischen Dichtung und Wahrheit. Was Schoßgebete an Roche kettet, ist etwas anderes, nämlich ihr Erfolg als Bestsellerautorin. Provokationen lassen sich gut verkaufen, deshalb sollen wir hinter Schoßgebete möglichst viel Feuchtgebiete vermuten – auch wenn daran nichts provokant war.

Deshalb muss man umso mehr betonen, was die beiden Filme nicht gemeinsam haben.