Hacker? Folgt man der Nachrichtenlage, handelt es sich dabei um verderbte Gestalten, die das Netz fluten mit intimen Fotos leichtsinniger Berühmtheiten – Stichwort "Fappening". Anonyme Nerds, pubertäre Genies vielleicht, die Sicherheitslücken des Cloud-Computings auf denkbar unangemessene Weise aufzeigen.

Wem das Thema Cyber-Kriminalität dieser Tage zu sehr ins Panorama-Ressort rutscht, sollte den Weg ins Kino suchen, in die für einen deutschen Thriller erfreulich großformatige Produktion Who Am I – Kein System ist sicher.

Der Film macht schnell klar, dass es hier nicht um harmlose Nacktbilder geht, dass er mehr bieten will als abgedunkelte Räume, endlose Zahlenkolonnen und fahle Gesichter neben leeren Pizzakartons. In der Anfangsszene stolpert Benjamin (Tom Schilling) durch einen Hotelflur, das Gesicht zerschunden, öffnet die Tür zu einem Zimmer  und findet darin ein Blutbad vor, samt dreier Leichen. Dazu ist seine Stimme aus dem Off zu hören: "Wenn ich gewusst hätte, wie alles endet, wäre ich unsichtbar geblieben."

So klingt das Fazit von Benjamins Geschichte als weltweit gesuchter Hacker, wie er sie im Verhörraum der Ermittlerin Hanne Lindberg (Trine Dyrholm) erzählt. Am Anfang dieser Geschichte ist der Mittzwanziger ein Niemand, "eine Null unter Einsen". Unscheinbar, ängstlich, einer zum Übersehen, der bei Oma wohnt, Pizzen austrägt und aus Comics Superman zitiert. Er selbst ist nur am Rechner ein Held, im Beherrschen der Maschinensprache.

Im Stillen schwärmt Benjamin für Marie (Hannah Herzsprung), die ihn allerdings schon zu Schulzeiten nicht bemerkte und als Jurastudentin damit weitermacht. Um ihre Beachtung zu finden, müssen die Fragen ihrer Bachelor-Prüfung her. Benjamin bricht in die Uni ein, hackt den Server, wird erwischt. Während der anschließenden Sozialstunden trifft er Max (Elyas M’Barek), das komplette Gegenteil seiner selbst: smart, souverän, Gewinnertyp. Zusammen mit zwei weiteren Hackern gründen sie die Gruppe CLAY ("Clowns Laughing At You") und agieren fortan als Spaß-Guerilla: Sie sabotieren ein Neonazi-Treffen, lassen an der nächtlichen Fassade eines Pharmakonzerns die Worte "We Kill Animals" aufleuchten und hacken eine Radioverlosung, um mit dem gewonnenen Porsche durch die Berliner Nacht zu brettern.

Regisseur Baran bo Odar (Das letzte Schweigen) hat zu seinem zweiten Langfilm auch das Drehbuch verfasst, gemeinsam mit Jantje Friese. Ihre Geschichte zerrt die Internetkriminalität heraus aus der stickigen, filmisch reizlosen Einsamkeit der Hacker-Höhle. Die Zauberformel lautet hier Social Engineering, es meint die soziale Beeinflussung von Menschen, mit dem Ziel, an ihre Daten zu gelangen. Phishing, Trojaner und IP-Transmitter kommen in Who Am I zum Einsatz. Der Plot bleibt dabei stets nachvollziehbar, selbst ohne tiefe Informatik-Kenntnisse.

Im Netz nimmt man die Gruppe nicht ernst. Und als erst einmal der Hacker-Stolz geweckt ist, bleiben die Aktionen von CLAY nicht länger lustig. Die Ziele werden größer, die Gegner auch: BND, Europol, die russische Cyber-Mafia. Irgendwann flieht Benjamin durch dunkle U-Bahn-Schächte vor bewaffneten Killern.