Mit Udo Kier verbindet man den Exzess. Schließlich hat der Mann mit Warhol, Fassbinder, von Trier und Schlingensief gedreht und ist auf abgründige Charaktere spezialisiert. Der 69-Jährige gilt als Darling des extravaganten Arthouse-Kinos.

Deshalb passt es perfekt, dass er in Arteholic seine Sucht nach Kunst zelebriert. In der Dokumentation von Hermann Vaske schlendert Kier auf einem Roadtrip durch Museen und Ateliers in Frankfurt, Köln, Paris, Kopenhagen und Berlin und plaudert mit Künstlerinnen und Künstlern wie Marcel Odenbach, Rosemarie Trockel, Jonathan Meese oder Tobias Rehberger. Logisch, dass der Film bei der massiven Präsenz des gebürtigen Kölners, der seit Langem im kalifornischen Palm Springs lebt, zur One-Man-Udo-Show wird.

Was bedeutet es für Kier, ein Arteholic, ein Kunstsüchtiger, zu sein? "Das ist im Gegensatz zu anderen Süchten gesund", sagt er im Interview mit ZEIT ONLINE. Er sei nämlich gar kein exzessiver Mensch. Schon Fassbinder sei ihm zu viel gewesen. Bloß kein Overkill: "Ich kann nicht länger als eine Stunde im Museum bleiben, dann tun mir die Augen weh. Ich sehe Dinge, die ein anderer nicht sieht." Glaubt man sofort, wenn er einen mit seinen blauen Augen fixiert.

Er erscheint zum Gespräch wie auch in fast jeder Szene des Films in einem schimmernden, dunklen Anzug, am kleinen Finger der linken Hand einen Siegelring. Begeistert erzählt er von seinem Haus, einer ehemaligen Bücherei, das voller Kunstwerke hängt. Regelmäßig arrangiert er sie neu. "Ich werde geliebt von meinen Bildern. Als ich jung war in Paris, habe ich mir nicht Yves Saint Laurent gekauft, sondern eine Grafik von Magritte oder Giacometti für umgerechnet 100 Mark." Also in etwa der Zeit, als Kier Ende der 1960er Jahre Warhol kennenlernte und mit Paul Morrissey Horror-Trash wie Frankenstein und Dracula drehte, für den die Pop-Art-Ikone als Produzent fungierte.

Eigentlich ist aber nicht Kiers Kunstbesessenheit, sondern Dennis Hopper der Grund, dass Arteholic gedreht wurde. Vaske traf den "Easy Rider" 2007. Die beiden spazierten durch die Pinakothek der Moderne in München und sprachen wie so oft über Malerei, es ging um Blinky Palermo. "Da kam die Idee, so einen Trip zu machen", erzählt Vaske. Daraus wurde nichts mehr: Hopper starb 2010. Doch Vaske ging die Idee, eine künstlerische Reise durch Europa zu machen, nicht aus dem Kopf. Es dauerte noch einmal ein paar Jahre, bis Mai 2011. Lars von Trier hatte gerade seine Monumentaldepression Melancholia in Cannes vorgestellt, man feierte an der Côte d’Azur. Mittendrin schmierte Kier mit blanken Händen Farbe auf eine Leinwand, erinnert sich Vaske, "so ein Promotionzeugs",  aber Kier war "extrem konzentriert ". Vaske hatte seinen Arteholic gefunden.

"Damals war es erotisch, heute ist es neurotisch"

Und Kier funktioniert hervorragend. Mit jedem anderen Protagonisten wäre der Film vermutlich durchschnittlich ausgefallen. Doch Kiers Exaltiertheit rettet selbst banale Situationen. "Hach, Museum müsste man haben", seufzt Kier im besten Kölsch, als er neben Udo Kittelmann, dem Direktor der Nationalgalerie, im Hamburger Bahnhof in Berlin steht. "Damals war es erotisch, heute ist es neurotisch", kommentiert er bei Kurator Xaver von Mentzingen in Paris eine Robert-Mapplethorpe-Fotografie des androgynen, jungen Udo.

Wie man es von Kier erwartet, geht es flamboyant zu, egal, ob er sich neben einer Gummipuppe seinen Hosenstall schließt. Oder, einen aufgespießten Knödel in der Hand, einem Pamela-Anderson-Lookalike die Vorzüge des Sauerbratens erklärt. Oder wie von Christo verhüllt als lebendige Statue vor dem Reichstag steht. Oder sich im nächtlichen Museum Ludwig eine Lampe unters Gesicht hält und Schillers Glocke rezitiert – eine Reminiszenz an Gus Van Sants My Own Private Idaho, als er Keanu Reeves und River Phoenix in der Rolle des Freiers Hans in einem billigen Hotelzimmer zum Sex überreden will.