Ihre Beziehung hat gehalten. Trotz gesellschaftlicher Ächtung, polizeilicher Misshandlungen, jahrzehntelangem Versteckspiel: Röbi Rapp und Ernst Ostertag haben sich 1956 in Zürich verliebt. Zu einer Zeit, in der Homosexualität in der Schweiz zwar gesetzlich nicht mehr verboten, gesellschaftlich aber längst nicht toleriert war.  

Fast 50 Jahre haben die beiden Männer ihre Beziehung vor Ostertags konservativer Familie geheim gehalten, 2003 wurden sie schließlich das erste getraute schwule Paar im Kanton Zürich. Dort konnten sich homosexuelle Partnerschaften früher eingetragen lassen als im Rest der Schweiz.

Ihre Liebesgeschichte allein wäre Stoff für einen Kinofilm. Doch der Schweizer Regisseur Stefan Haupt erzählt nicht nur von Rapp und Ostertag, sondern auch von der Schwulenzeitschrift und dem gleichnamigen Geheimclub "Der Kreis", der in den 1950er und 1960er Jahren mit seinen rauschenden Bällen ein schillerndes Refugium für schwule Männer aus der Schweiz und der ganzen Welt war. Auf einem der Jahresbälle lernten sich Rapp und Ostertag kennen.

Der Film beginnt mit einer dokumentarischen Liebeserklärung an seine Titelhelden und Protagonisten: Wir sehen eine geheimnisvolle Großaufnahme einer gealterten Schönheit, die Lidschatten und Lippenstift aufträgt. Der Mann tuscht sich die Wimpern und betritt im federbesetzten Hut eine dunkle Bühne. "Ich heiße Maude und liebe seltne Pflanzen", singt Röbi Rapp und klingt ein bisschen nach Marlene Dietrich. 

"Ich bin so seltsam, was bin ich seltsam", geht es weiter im Text, inzwischen aus dem Off. Die Kamera ist in einer Züricher Wohnstube angekommen, im grünen Pulli steht Rapp – diesmal ungeschminkt – am Bügelbrett und glättet Wäsche. "Ich weiß vor lauter Seltsamkeit nicht mehr." Ostertag ist auch dabei: Er wedelt den Staub von einem Laptop und beginnt zu schreiben. Am Ende stehen beide Männer auf ihrem Balkon und schauen auf die Straße. Dazu die Zeile: "Ich glaube fast, ich bin ein Teddybär." Röbi Rapps Lied ist der Soundtrack ihrer Vergangenheit. Die gemeinsame Wohnung ihr jahrzehntelang ersehntes gemeinsames Zuhause.

Für den Lehrer aus konservativem Milieu kommt ein Outing nicht infrage

Dann springt der Film in seine Spielfilmhandlung: Zürich, 1956, wir lernen den jungen Lehrer Ernst Ostertag kennen. Wunderbar gespielt von Matthias Hungerbühler in seiner ersten Hauptrolle. Ostertag ist anders, passt nicht recht in sein Umfeld, wirkt unsicher und schüchtern. Er hört vom Kreis, will Abonnent der Zeitschrift und damit Mitglied im Klub werden. Auf dem Jahresball entdeckt er den jungen Röbi Rapp auf der Bühne: Als blonde Diva singt Rapp Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre. Ostertag verliebt sich sofort.  

Was folgt, ist eine abwechselnd dokumentarisch und fiktional erzählte Mischung aus Romanze und gesellschaftlich-politischem Drama: Rapp und Ostertag werden ein heimliches Liebespaar – für Ostertag, den Lehrer aus konservativem Hause, kommt ein Outing nicht infrage. Doch bald holen die Ereignisse sie ein: Im schwulen Milieu passiert ein Mord und die Polizei nutzt jeden Vorwand, um die Mitglieder des Kreises zu verhören, zu demütigen, zu peinigen. Der emotionale, impulsive Röbi Rapp – Sven Schelker, Absolvent der Münchner Schaupielschule, spielt einen fantastischen Gegenpol zum kontrollierten, stillen Ostertag – kommt an seine Grenzen. Er, dessen Mutter (großartig: Marianne Sägebrecht als Erika Rapp) die sexuelle Orientierung ihres Sohnes liebevoll hinnimmt und ihm Ballkleider für seine Auftritte näht, will endlich auch von Ostertags Familie akzeptiert werden.

Die Polizisten lassen mit Genugtuung die Doppelleben vieler heimlicher Kreis-Mitglieder auffliegen. Ehen und Karrieren gehen kaputt, Existenzen werden zerstört. Das bis dahin als liberal geltende Zürich nimmt das schwule Milieu unter Generalverdacht, die Presse weidet sich in jedem Skandal den sie aufspüren kann. "Homosexualität ist in der Schweiz nicht strafbar", sagt der Kreis-Chefredakteur Rolf beim Verhör der Polizei. Der Beamte erwidert: "Aber registrierbar."