"Drei Stunden Wartezeit!", ruft ein Wachmann den Passanten zu und bittet sie, drei Blocks weiter ostwärts zu laufen. Ganz dort hinten, an der Elizabeth Street, müssen sich die Besucher anstellen, die an diesem verregneten Tag das Central Perk an der Lafayette Street betreten möchten. Aber niemand murrt. Es handelt sich schließlich um die Rekonstruktion des Kult-Cafés aus der Sitcom Friends, in dem sich die sechs Protagonisten über Liebe, Kummer und Alltagsprobleme unterhielten. Das Café wurde aus Anlass des 20. Jubiläums der ersten Ausstrahlung vom 22. September 1994 nachgebaut. Die Produktionsfirma Warner Brothers hat sich dafür mit dem Kaffeelieferanten Eight O'Clock Coffee zusammengetan.  

Nun gleicht der Ort einer Wallfahrtsstätte: Vor dem backsteinroten Gebäude harren Menschen aus der ganzen Welt stundenlang aus, um sich auf die echte, quietschgelbe Couch zu setzen, auf der schon Joey, Ross, Rachel, Monica, Phoebe und Chandler saßen. Man muss schon verrückt sein, um sich dieser Strapaze zu unterziehen. Entweder das, oder ein echter Fan, beteuern Katy, Cindy und Madeline. Sie haben die Eingangstür fast erreicht und können es kaum erwarten, einen Kaffee zu bestellen. Die Teenager sind aus Pennsylvania angereist, um das Central Perk zu besuchen. Eile ist geboten, am 18. Oktober schließt es wieder. Sie tragen Friends-T-Shirts, grinsen, zappeln und erzählen, warum ihnen die Serie so viel bedeutet: "Die Sendung zeigt echte Freundschaft", sagt Cindy. "Und ein unvergleichliches Zusammengehörigkeitsgefühl", sagt Madeline. "Und ein cooles New York", ruft Katy aufgeregt dazwischen.

Ist das alles? Was hat diese Sendung an sich, dass Menschen nach New York pilgern, im Regen warten, um sich dann auf ein Sofa zu setzen und einen mittelmäßigen Kaffee zu trinken? Man hört immer wieder die gleiche Antwort: "Du musst ein Fan sein, um das zu verstehen." Die Schlangen erinnern an Lourdes, wo Gläubige Stunden investieren, um eine Marienstatue zu berühren oder Weihwasser zu trinken.

Mythos: ultimatives Glück

Doch Hingabe zu Gott ist eine Sache. Hingabe zu einer Fernsehsendung eine andere. Es geht schließlich um ein paar profane Gegenstände hinter Glasvitrinen wie etwa Phoebes Gitarre oder Ross' und Rachels Eheringe, die man sich in dem relativ kleinen Raum angucken kann. "Die Faszination liegt an dem Mythos der Sendung," erklärt eine Mitarbeiterin. "Viele sind mit der Serie aufgewachsen. Sie kommen, um sich an ihre Fantasien aus der Jugendzeit zu erinnern und ein paar originale Utensilien zu sehen." 

Sitcoms wie Friends sind moderne Mythen, auf die sich alle Zuschauer – ob in China oder Deutschland – einigen können. Sie sind witzig, sie stellen die Realität schöner dar, als sie ist, und sie helfen, an etwas Positives zu glauben. Etwa daran, dass ultimatives Glück und ein Happy End wirklich existieren. Solche Formate geben Heilsversprechen für alle, die sich nach ein bisschen Hoffnung sehnen in einer Zeit, in der es keine festen Orientierungen mehr gibt. 

Diese Sehnsucht ist nicht nur generationsübergreifend, sondern auch universell. Yiun ist Chinesin, 35 Jahre alt und erzählt, dass die Sendung Friends für all das stehe, was New York zu bieten habe: Coolness, einen unbeschwerten Lebensstil, Abenteuer, Spaß. Allerdings habe sie von Freunden gehört, dass das Leben in New York nicht mehr soeasy sei wie Anfang der neunziger Jahre, als die Sendung gedreht wurde. Der durchschnittliche New Yorker lebt tatsächlich in Zimmern der Größe eines Schuhkartons, ist meistens knapp bei Kasse und hat keine Zeit – weder für Beziehungen noch für Café-Besuche. Friends zeigt genau das Gegenteil. Die Serie bestärkt den New Yorker Mythos, der besagt, dass diese Stadt fair ist zu jedem, der hart arbeitet. Die Rechnung geht nicht immer auf.