ZEIT ONLINE: Ihr Film Jack verlangt dem Zuschauer einiges ab: Ein Zehnjähriger macht sich darin mit seinem kleinen Bruder auf die Suche nach ihrer unzuverlässigen Mutter, die irgendwo in der Großstadt umhertreibt. Der Wunsch, Jack zu helfen, und die Hilflosigkeit sind schwer auszuhalten.

Edward Berger: Genau diese verstörende Wirkung wollten wir erreichen.

ZEIT ONLINE: Ging es Ihnen dabei stärker darum, die individuelle Überforderung einer jungen Mutter zu zeigen oder die einer ganzen Gesellschaft, die es nicht schafft, ihre Kinder zu schützen?

Nele Müller-Stöfen: Wir wollten mit Jack keine Milieustudie betreiben, nicht mit dem Zeigefinger auf Hartz-IV-Familien zeigen und Klischees bedienen wie: Guckt mal, die sind immer drogenabhängig und schlagen ihre Kinder. Wir wollten beschreiben, dass Vernachlässigung von Kindern überall passieren kann. Es gibt meiner Ansicht nach in der gesamten Gesellschaft ein großes Problem damit, wirklich Verantwortung zu übernehmen. In Bezug auf Kinder wäre das natürlich unabdingbar, weil es für sie überlebenswichtig ist. Aber auch unter Erwachsenen kann man diese Scheu vor Verantwortung beobachten.

Berger: Mir war die große Kraft dieses Jungen wichtig. Die Idee zu dem Film ist aus einer Situation heraus entstanden, die ich mit meinem Sohn erlebt habe: Wir spielten im Garten zusammen Fußball; ein wunderschöner, warmer Sonntagnachmittag. Da kam ein Junge vorbei, den mein Sohn kannte, und er winkte ihm über den Zaun hinweg zu. Als ich mich wunderte, dass er am Sonntag seinen Schulranzen dabei hatte, erzählte mein Sohn: "Das ist Jack. Am Wochenende ist er bei seiner Mutter, sonntags geht er zurück ins Heim." In unseren Köpfen müsste so ein Kind mit hängenden Schultern durch die Straßen gehen, und alle denken: "Der Arme!" Dieser Junge wirkte aber aufrecht und lebensfroh. Über diese Kraft eines Kindes wollte ich einen Film machen. Jack glaubt immer ans Leben und an die Zukunft.

ZEIT ONLINE: Dennoch ist der Zehnjährige im Film mit der schwierigen Situation extrem überfordert. Man stellt sich als Zuschauer unwillkürlich die Frage, wie ihm geholfen werden könnte. Denn ins Heim will er nicht. Er bleibt lieber bei seiner Mutter, die ja auch sehr liebevoll sein kann.

Berger: Sie ist einfach zu jung. Wir wollten sie nicht verurteilen. Sie liebt ihre Kinder, aber sie kann mit der Verantwortung nicht umgehen.

Müller-Stöfen: Das Problem entsteht dadurch, dass Jack zu Hause das ganze alltägliche Leben der Familie organisieren muss – eigentlich die Aufgabe der Mutter.