Der Wecker klingelt und der zwanzigtausendste Tag im Leben von Nick Cave beginnt. Er steht auf, blickt in den Badezimmerspiegel und sieht: einen Kannibalen, der alles um sich herum verspeist, die zerkauten Momente des Alltags mit seinem Mythenspeichel versetzt und als Songs, Gedichte, Romane und Filme zurück in die Welt spuckt. 

Der australische Sänger liebt Metaphern und Mythen und stilisiert sich gerne selbst zum Mythos. In der Dokumentation 20.000 Days on Earth kann er das ausleben. Am Steuer seines Jaguar XJ sieht er mit seinem schwarzen Anzug und der goldgerahmten Vintage-Brille aus wie ein zwielichtiger Geschäftsmann. Oder ein Auftragskiller in einem Tarantino-Film.  

Cave hat für den Film von Iain Forsyth und Jane Pollard nicht nur das Drehbuch geschrieben, er führt als Hauptdarsteller auch durch die Rahmenhandlung: Wir sehen, wie er in seinem Arbeitszimmer an Texten arbeitet, in einer Sitzung beim Therapeuten über seine Kindheit spricht, mit dem Bandmitglied Warren Ellis zu Mittag isst, am Nachmittag in seinem Archiv stöbert und am Abend mit seinen beiden Söhnen vor dem Fernseher sitzt. Über allem zieht ein Nick-Cave-Voice-over über Leben, Tod, Erinnerung, Kreativität und Transformation auf der Bühne wie ein gleichmäßiger Gedankenstrom durch den Film.

Mit Kylie und Blixa Bargeld im Jaguar

Zwischendurch: lange Fahrten mit dem Jaguar durch den Nieselregen Südenglands. Dort sitzt dann plötzlich der langjährige Bad-Seeds-Gitarrist Blixa Bargeld im Auto. Oder Kylie Minogue, seine Duettpartnerin beim Charterfolg Where the wild roses grow. Mit ihnen spricht Cave über das Künstlerdasein. Ebenso plötzlich wie sie aufgetaucht sind, verschwinden sie wieder im Nebel des Vergessens, wie ein kurzer Erinnerungsfetzen, weggewischt durch das Quietschen eines abgenutzten Scheibenwischers.  

Natürlich ist eine Nick-Cave-Doku keine normale Doku. Und so war das erste, was man bei der Europapremiere des Films auf der Berlinale 2014 erfuhr: alles Schwindel! Der Psychologe im Film ist zwar Therapeut, aber nicht der von Nick Cave. Caves Archiv ist in Wahrheit in Australien. Wir hingegen sehen nur, wie er sich im Keller des Rathauses in Brighton ein paar alte Bilder und Dokumente ansieht. Das einzige, was echt ist, ist der Jaguar. Und die Zwillinge sind offenbar Caves richtige Kinder. Doku-Fiction nennen die Regisseure dieses Zwitter-Genres.  

Die Spannung zwischen Rolle und Identität sei eine entscheidende Spielregel des Pop, "bei der nie geklärt sein kann, ob ein Pop-Musiker für sich spricht oder in einer Rolle", schreibt Diedrich Diederichsen in seinem kürzlich erschienenen Buch Über Pop-Musik. Diesen Drahtseilakt vollzieht Nick Cave in dem Film mit poetischer Eleganz und einem schwarzen Humor, der uns immer wieder an die Abgründe seines Daseins führt: Er spricht über seine langjährige Drogensucht, über seine Beziehung zu Frauen, über seinen früh verstorbenen Vater, aber vor allem über den kreativen Prozess, in dem er "Momente der sogenannten echten Welt" mythologisiert.