Zeitgeschichte zieht. Je mehr ein Nachrichtenthema die Schlagzeilen beherrscht, desto schneller wird daraus wirklichkeitsgetreue Fiktion. Wenn das Fernsehen also nicht auf die Bremse tritt, könnte die Verfilmung realer Ereignisse bald vor der Wirklichkeit erfolgen. Schon zwischen den Affären Wulff oder Guttenberg und ihrer TV-Adaption lagen nur wenige Jahre. Die Schlecker-Pleite dagegen war noch in vollem Gange, da gab es bereits Drehbücher für gleich zwei Filme.

Erst vor zwei Wochen hatten Die Schlikker-Frauen den Sturz des Großdrogisten auf Sat1 weichgekocht, indem vier frisch entlassene Kassiererinnen den weltfremd-elitären Konzernboss (Sky DuMont) in ihrer Filiale kidnappten. Die Komödie war von so eklatanter Lieblosigkeit, jeder Gag eine Flucht vor inhaltlicher Auseinandersetzung.

Dagegen kann die öffentlich-rechtliche Variante Alles muss raus eigentlich nur gewinnen. Auch hier geht es natürlich wieder um die Gegenüberstellung von Firmenboss und Angestelltenleid. Was penetrant mit dem immer gleichen filmischen Stilmittel dargestellt wird: dem sanften Schwenk von Szenen zu Szene, in dem sämtliche Protagonisten bedeutsame Dinge vollziehen, die im schweren Kontrast zu denen der anderen stehen. Man könnte das "parallele Einstellungsdialektik" nennen oder "vergleichende Handlungsdiskrepanz", die Sozialwissenschaft wäre da gewiss findiger. Wie auch immer man es nennen mag – in Alles muss raus feiert dieses Stilelement ein Feuerwerk der Sinnüberfrachtung.

Gleich zu Beginn steht ein Waidmann im geräuschlosen Wald und wartet aufs Wild. Bis – paralleler Einstellungsdialektik-Schwenk – ein hektischer Banker vom hyperkapitalistischen Glasstahlpalast aus die Waldesruh mit einem Anruf unterbricht. Was wiederum – vergleichender Handlungsdiskrepanz-Schwenk – nahtlos in eine Kettendrogerie hinübergeht, deren Kassiererin im Auftrag ihres Chefs (des Waidmanns) grippekrank bei einem Testkauf überprüft wird.

Genau so schwenkt und schwenkt und schwenkt es immerfort, wenn das ZDF die Verwerfungen der Wirklichkeit nachstellt: Während Anton Schlecker, der hier Max Faber heißt, zum Frühstück im Wintergarten Gänseleberpastete zu Pianotupfen verkostet, sitzt die kontrollierte Kassiererin im kargen Aufenthaltsraum und raucht Kette. Während sie sodann im Verkaufsraum überfallen wird, streichelt ihr realistisch nachempfundener Chef, dem die Anschaffung von Kameras und Personal zu teuer war, seinen neuen Sportwagen. Und während sein Bankberater koksend auf Fabers Untergang wettet, wartet der unbeugsame Kapitän vergebens auf frisches Geld zur Bergung seines havarierten Tankers.