Laura Poitras und Glenn Greenwald bei einer Preisverleihung in New York im April 2014 © Eduardo Munoz/Reuters

Es ist dieser Moment im Hotelzimmer in Hongkong, der die Kraft des Films auf den Punkt bringt. Als Glenn Greenwald und Laura Poitras nach dem ersten Treffen mit Edward Snowden einen Kollegen hinzuholen und dieser ihn nach wenigen Minuten unterbricht: "Entschuldigung, wie war noch einmal Ihr Name?" Er bittet den jungen Mann, der da im T-Shirt vor ihm sitzt, zu buchstabieren. Das Publikum im Lincoln Center in New York, wo der Film Citizenfour am Freitagabend Weltpremiere feiert, muss lachen angesichts der Absurdität des Moments aus heutiger Sicht. Die Diskrepanz zwischen einer Welt vor und nach Snowden wird nie deutlicher als in dieser Szene. Die Bilder besitzen eine enorme Kraft, vielleicht, weil sie das einzige sind, das wir von dieser Jahrhundertgeschichte noch nicht kennen.

Poitras ist die erste, mit der der Whistleblower Edward Snowden im Dezember 2012 Kontakt aufnimmt. Die Filmemacherin, gerade mitten in einem Projekt über den Missbrauch von Überwachungsmechanismen der US-Regierung im Namen des Kampfes gegen den Terror, erhält erste verschlüsselte E-Mails. Der Absender verspricht Beweise für massive Ausspähprogramme, mit denen die US-Regierung Millionen von Amerikanern überwacht. Sein Deckname: Citizenfour. Fünf Monate nach der ersten E-Mail fliegt Poitras gemeinsam mit dem britischen Journalisten Glenn Greenwald nach Hongkong, um sich mit dem Informanten zu treffen.

Am 3. Juni 2013 treffen Greenwald und Poitras Snowden in seinem Hotelzimmer. Snowden trägt ein schlichtes weißes T-Shirt, eine unscheinbare Brille. Der Mann, der wenige Monate später das wohl bekannteste Gesicht des Internetzeitalters und dessen Schattenseiten werden soll, ist hier noch ein Unbekannter. Er führt die Journalisten ein in die Arbeitsweise der Geheimdienstbehörden, in die fast uneingeschränkte Macht des staatlichen Apparats. "Niemand kann sich diesen Werkzeugen in den Weg stellen", sagt Snowden. Wir sehen, wie Snowden vor laufender Kamera eine Decke über sich und den Laptop legt, als er sich in die Dokumente einwühlt – wovor er sich schützt, weiß er selbst nicht.

In ihrem Film entfaltet die Regisseurin vor den Augen des Zuschauers, wie sich Information über Information zusammensetzt und nach und nach das Ausmaß der Überwachungen deutlich wird. Sie zeigt Anhörungen im Senat, in denen der damalige Chef der Überwachungsbehörde NSA, Keith Alexander, die Methoden noch wenige Monate zuvor offen verneint. Sie zeigt Treffen in New York, bei denen IT-Experten der Occupy-Bewegung das gebannte Publikum erstmals über die Möglichkeiten von Bespitzelungen informieren – über die Bilder, die Geheimdienste sich aus Telefondaten, E-Mails und GPS-Informationen über jeden einzelnen Bürger zusammensetzen können. Sie zeigt James Clapper, den oberen Chef von Amerikas Geheimdienstapparat, der all das abstreitet. Das Publikum in New York lacht immer wieder auf angesichts der offensichtlichen Lügen der Verantwortlichen. Die Regisseurin lässt die Bilder für sich sprechen. Es ist dieser unausgesprochene Schulterschluss, zwischen Regisseurin und Publikum und Edward Snowden selbst, der sich durch den Abend im Lincoln Center zieht.

Witziger und charismatischer Whistleblower

Aber vor allem zeigen die Bilder Edward Snowden, wie wir ihn noch nie gesehen haben. Der damals 29-jährige IT-Mitarbeiter der NSA, von dem die Medien aus Mangel an Alternativen über Monate immer wieder dasselbe Foto verwenden mussten, wird hier zu einem jungen Mann, der nachdenklich und witzig und charismatisch ist. In einer Szene entdeckt er, dass Greenwald eine Speicherkarte im Laptop stecken gelassen hat. "Das sollten wir nicht tun", ermahnt ihn Snowden, halb ernst, halb im Spaß. In einer anderen macht er sich lustig über das kurze Passwort des Journalisten. Als Greenwald ihn fragt, ob sie am nächsten Tag ausführlicher über das britische Ausspähprogramm Tempora sprechen könnten, meint Snowden trocken: Lassen Sie mich in meinen Kalender gucken. Poitras gibt dem Whistleblower viel Raum, in dem er wirken kann und in dem er greifbar wird.

Das Treffen dauert acht Tage. Wir sehen, wie Greenwald die erste Geschichte im britischen Guardian ankündigt. Wir sehen, wie die Fernsehsender die Geschichte aufgreifen und versuchen zu verstehen, was da gerade passiert. Wie Greenwald in seinen Artikeln nach und nach eine Schicht nach der anderen abträgt und weitere Details offenbart. Über Internetfirmen wie Yahoo und Facebook, deren Daten die NSA abfängt, über das angezapfte Handy der Bundeskanzlerin und die Befehlskette bis ins Weiße Haus. Wir sehen den Moment, in dem Greenwald Snowden sagt, dass 1,2 Millionen Namen auf der Watchlist der US-Regierung stehen und wie Snowden es selbst nicht glauben kann: "That’s fucking ridiculous." 

Snowden wollte im Hintergrund bleiben

Immer wieder sprechen die Journalisten mit Snowden darüber, ob und wann er an die Öffentlichkeit gehen will. Immer wieder betont der wohl berühmteste Whistleblower der Geschichte im Laufe des Films, dass er selbst im Hintergrund bleiben wolle, dass er mit seiner Person nicht vom eigentlichen Thema ablenken wolle und Medien dazu neigten, Personenkult zu betreiben. Dann sieht man Snowden, wie er sich auf das erste Interview vorbereitet, wie er sich die Haare macht und die Brille durch Kontaktlinsen ersetzt. Später sieht man sein Gesicht auf einem übergroßen Bildschirm über den Straßen von Hongkong. Er ist Teil der Story geworden, und man sieht, wie das Bewusstsein darum ihn beeinflusst.