"Der Klassenkampf ist vorbei", rief Tony Blair auf der Labour Parteikonferenz 1999. Blairs Ausspruch wurde zum beliebten Zitat in einer Debatte, die in England zum Hintergrundrauschen geworden ist, das sich gelegentlich verstärkt wie gerade jetzt: weil es eben nicht tot ist, das Klassensystem. Mit Pride läuft derzeit die Geschichte über den Bergarbeiterstreik im Wales der achtziger Jahre im Kino und Ken Loach erinnerte im vergangenen Jahr mit The Spirit of '45 an die Geburt des englischen Wohlfahrtsstaats. Nun widmet sich ausgerechnet eine dänische Regisseurin dem Zutun der englischen Upper Class.

Lone Scherfig, die sich bereits mit An Education im britischen Sozialgefüge umgesehen hatte, will in The Riot Club nicht nur wissen, was die Söhne der Oberschicht in ihrer Freizeit eigentlich so treiben. In ihrem neuen Film interessiert sie sich für deren Exzesse – aus der Sicht einer Außenseiterin, wie sie in einem Gespräch mit dem British Film Institute sagt. Die unausgesprochene These ihres Films lautet: Der Klassenkampf lebt.

Das zeigt sie am Beispiel der Jeunesse dorée einer englischen Elite-Universität, die sich unter Ausschluss der Öffentlichkeit regelmäßig zum Komasaufen trifft und den Tatort ihrer Orgien, meist ein Pub auf dem Land, in seine Einzelteile zerlegt. Auch mit dem Personal gehen die Söhne aus sogenannten guten Häusern nicht zimperlich um. Einmal im Leben ein wild boy sein, das ist der Plan. Er wird getragen vom Bewusstsein, sich alles erlauben zu können, wenn man dafür bezahlen kann, und alles erreichen zu können, wenn man die richtige Herkunft hat. Ein bisschen wie Rockstars. Nur führt deren Weg nicht wie bei den Snobs des "Riot Club" zu einer Zukunft in Ämtern und Würden und oft genug in die Politik.

Der "Riot Club" – und das verleiht dem Film seine vordergründige, unmittelbare Aktualität – hat ein Vorbild in der Wirklichkeit, den angeblich 1780 gegründeten "Bullingdon Club". Er gehört zu einer Reihe von geheimen Drinking Societies oder Dining Clubs an den Universitäten von Oxford und Cambridge, die nur Studenten Zutritt gewähren, die über die nötigen finanziellen Mittel und möglichst aristokratische Namen verfügen.

Evelyn Waugh hatte sie in Decline and Fall 1928 zum Thema seines Romans gemacht, für die breite Öffentlichkeit wurden sie erst richtig interessant, als 2008 Fotos heutiger Tory-Politiker in den Medien erschienen, die sie in teuren Fräcken zu "Bullingdon"-Tagen während der 1980er Jahre zeigen. Damals, vor den Wahlen 2010, gaben die Ertappten sich zerknirscht, glaubten, der dekadente Stil ihrer Jugendsünden passe nicht mehr zum neuen Tory-Image, das unkomplizierte Volksnähe propagierte. Offenbar hat es ihnen tatsächlich nicht geschadet, denn inzwischen sind die bekanntesten Ex-Mitglieder der Trinkgesellschaft politische Führungskräfte: Premierminister (David Cameron), Schatzkanzler (George Osborne), Bürgermeister von London (Boris Johnson).