Am Samstag beginnt die ARD-Themenwoche Toleranz. Man muss den Anstalten lassen, dass sie schon vor dem Start für ihr Programm eine gewisse Aufmerksamkeit akquirieren können. Es regen sich jedenfalls ziemlich viele Leute über so einige Dinge auf.

Wenn sich viele über dieselben Dinge aufregen, ist die Frage oft, ob man ihre Meinung nur tolerieren muss, also ertragen. Oder ob man sie auch akzeptiert, also annimmt, eventuell sogar als die eigene. In diesem Fall kann man, ohne eine einzige Sendung gesehen zu haben, tatsächlich behaupten, dass Konzept und Überbau dieser Themenwoche altmodisch im schlechten Sinn sind.

Die Plakate zum Beispiel, mit denen die ARD wirbt. Plakate sind immer plakativ, aber üblicherweise wird so lange an ihnen gearbeitet, bis sie jene Botschaft aussenden, mit der man für sich werben und mit der man sein Publikum ansprechen möchte. Diese Plakate zeugen davon, dass der angelegte Toleranzbegriff ziemlich eng gefasst ist. Auf einem sieht man zum Beispiel einen Mann dunkler Hautfarbe und darüber steht: "Belastung oder Bereicherung?" Auf einem anderen sieht man zwei Männer, die sich berühren und darüber den Satz "Normal oder nicht normal?".

Wie das gemeint ist, nämlich sicherlich gut, ist die eine Sache. Die gesellschaftliche Realität muss nicht in hellblaue Watte gebettet werden, bevor sie im Fernsehen präsentiert wird. Gerade ein öffentlich-rechtlicher Betrieb, der für alle sendet, nicht für eine Elite, muss sich in der Planung eines großen Schwerpunkts nicht an einem etwaigen akademischen Konsens orientieren. Und ja, schwule Paare finden erschreckend viele Leute immer noch abstoßend; und ja, Hautfarben korrespondieren im Alltag mit Zuschreibungen, auch mit falschen.

Es gibt aber einen Grund, warum diese Fragen nicht genau so gestellt werden sollten: Sie sind eine Frechheit. Sie legitimieren und reproduzieren Assoziationsketten, die aufklärerisch im Sinn von 1950 sind. Die Frage etwa, ob jemand eine Belastung oder eine Bereicherung für die Gesellschaft ist, lässt sich nicht an der Hautfarbe erkennen. So mögen zwar viele Menschen denken, diesen Gedanken muss man aber nicht adeln, indem man ihn auf Plakate druckt. Ähnliches gilt für die Frage, ob gleichgeschlechtliche Paare normal seien.

Das Publikum der ARD

Vor allem aber schließen diese Fragen all jene aus, die abgebildet sind. Sie werden von der ARD nicht angesprochen, sie sind die, die nur toleriert, also ertragen werden können. Die ARD erklärt ihr Publikum damit für heterosexuell und nicht-schwarz. Wenn man die Themenwochen-Broschüre liest, verstärkt sich der Eindruck, es sei zudem christlich. Kirchliche Deutungsangebote kommen darin jedenfalls nicht zu kurz. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Reinhard Marx, schreibt etwa: "Wir müssen uns, gerade als Christen, zu unseren Werten und Überzeugungen bekennen, wenn wir aufrecht in den Kontakt mit anderen Religionen treten wollen." Das Wir, von dem er spricht, ist ein Christen-Wir. Nicht-Wir, das sind andere Religionen.

Am kommenden Samstag soll nun in einer bereits vorab viel kritisierten Sendung des Hessischen Rundfunks der "gläubige Katholik und Publizist Matthias Matussek" an einem Streitgespräch über Toleranz teilnehmen. Eben jener Matussek, der vor einiger Zeit schrieb, er sei "wohl homophob, und das ist auch gut so". Das macht es nicht leichter, die ARD mit einem Vertrauensvorschuss in die Themenwoche zu schicken. Was gibt es denn mit Matussek über Toleranz zu streiten?

Die Antwort steht auf der Website des Hessischen Rundfunks: "Ist sich das knutschende schwule Paar in der U-Bahn eigentlich bewusst, wie viel Toleranz es seinen Mitreisenden abverlangt? Und mit welcher Beharrlichkeit die muslimische Kollegin den Betrieb in der Kantine lahmlegt, weil sie unbedingt wissen muss, ob in dem Essen auch wirklich kein Schweinefett enthalten ist. Kurzum: Es bedarf schon einer gehörigen Portion Toleranz, um den Alltag zu überstehen!"

Toleranz wird so – nach dem Motto "Wäre ja ganz nett" – als Geste von Leuten definiert, die mental hinter einem Jägerzaun hocken und mit einem Finger auf alles deuten, was nicht in jeder Hinsicht DIN-genormt durch die Welt läuft. In der Pflicht sind dieser Logik zufolge die anderen, die sich mal ein wenig tolerierbarer benehmen sollen. Die Sendung ist natürlich ein Einzelbeispiel – aber eines zumindest zeigt es: Die ARD geht ohne eigene Haltung an ihr Thema heran. Allein durch die Auswahl besser geeigneter Gäste könnte sie den Gesprächsrahmen zeitgemäß gestalten. Vielmehr toleriert die ARD aber – ein Verfahren, das man mittlerweile aus Talkshows kennt – jeden Beitrag, solange er steil genug ist, und selbst für die Intoleranz ist sie offen. 

Immerhin bleibt zu hoffen, dass das Programm, das sich für eine Woche durch Fernseh- und Hörfunksender der ARD ziehen wird, facettenreicher ist. Es wird vielleicht sogar Sendungen geben, die man gesehen haben muss. Möglicherweise erschließt sich im Lauf der Themenwoche auch eine Antwort auf die Frage: Belastung oder Bereicherung, normal oder nicht normal – was ist eigentlich die ARD?

Nachtrag: Die ARD hat zu den Plakatmotiven am Dienstag Stellung genommen.