Niemand hat die Glaubenssätze des Neoliberalismus so verinnerlicht wie Lou Bloom (Jake Gyllenhaal). Wenn er den Mund aufmacht, fallen lauter Stanzen heraus, die potenzielle Vorgesetzte beeindrucken sollen. Ungetüme wie dieses: "Ich weiß, dass Verbindlichkeit in der heutigen Arbeitswelt nicht mehr den Wert hat, den frühere Generationen erwarten konnten. Aber ich glaube, dass diejenigen belohnt werden, die sich den Arsch abrackern." Lou spricht diese Sätze mit einer solchen Überzeugung, dass einem das Blut in den Adern gefriert.

Bisher hat es trotzdem nicht geklappt mit der großen Karriere. Lou hielt sich mit kleinen Diebstählen über Wasser. Aber jetzt hat er seine Berufung gefunden. Als Kameramann ist er auf den Straßen von Los Angeles unterwegs und macht Aufnahmen von Verkehrsunfällen, Schießereien, Überfällen. Die verscherbelt er dann an einen lokalen Nachrichtensender. Naja, was man so Nachrichten nennt. Redakteurin Nina (Rene Russo) beschreibt das Portfolio ihres Kanals wie folgt: "Stell’ Dir eine schreiende Frau vor, die eine Straße entlangrennt – mit durchschnittener Kehle." Lou ist deshalb so gut in diesem Geschäft, weil er kein Problem damit hat, Grenzen zu überschreiten. Liegt ein Unfallopfer blutend auf der Straße, geht Lou mit seiner Kamera näher heran als alle Kollegen. Und er ist bereit, für das Erklimmen der Karriereleiter immer weiter zu gehen. Denn, noch so ein Glaubenssatz aus der Fibel des freien Marktes: "Menschen, die ganz oben ankommen, landen da nicht zufällig."

Nightcrawler ist ein nachtschwarzer Medien-Thriller, der auch deshalb so überzeugt, weil die Zustände, die er zeigt, in den USA längst real existieren. So wie die tendenziöse Berichterstattung vor allem lokaler Medien, bei der Nachrichten zur Ware verkommen und die Ängste der Mittelschicht vor dem sozialen Abstieg unterfüttern. In diesem Sinne ist Nightcrawler auch allgemeiner gefasst ein bitterböser Kommentar zum Zustand der USA. Der Film spiegelt die Ängste, die im Land of the Free grassieren. Vom Aufschwung der Wirtschaft kommt beim Mittelstand nichts an, während die junge Generation sich von unbezahlten Praktika zu schlecht bezahlten Teilzeitstellen hangelt. Der Glaube an den amerikanischen Traum, er hat in den Jahren der Krise schweren Schaden genommen. In Nightcrawler ist daraus längst ein Alptraum geworden.

Lou Bloom ist die Ausgeburt dieses Alptraums. Jake Gyllenhaal spielt ihn mit irrem Blick, gegelten Haaren und eingefallenen Wangen. Subtil, unmerklich fast wird das Gesicht dieses ungewöhnlich schönen Schauspielers zur Fratze eines Emporkömmlings, der für sein Fortkommen buchstäblich über Leichen geht. Alles an Lou Bloom, der sich als Lügner und Erpresser entpuppt, wirkt unangenehm. Und durch Gyllenhaals Charisma gleichzeitig so magnetisch, dass man sich doch nicht sattsehen kann an ihm.

Mit Nightcrawler beweist sich der 33-Jährige erneut als einer der spannendsten Filmschauspieler seiner Generation in den USA. Sicher ist es ein Segen, dass Gyllenhaal beim Casting nacheinander als Spider-Man, Batman und Superman abgelehnt wurde. So blieb ihm erspart, sich in öden Superhelden-Spektakeln zu verausgaben. Stattdessen wählte er Projekte mit erzählerischer Ambition und spielte Rollen, die andere Darsteller nicht einmal mit der Kneifzange angerührt hätten. Gyllenhaal war ein schwuler Cowboy in Brokeback Mountain, ein schmieriger Pharma-Vertreter in Love & other Drugs, ein obsessiver Streifenpolizist in End of Watch.

2013 drehte er hintereinander zwei atemberaubende, lupenreine Meisterwerke mit dem kanadischen Regisseur Denis Villeneuve: Zunächst Enemy, ein schwer zugängliches, verschachtelt erzähltes Doppelgänger-Drama, das sich anfühlt wie ein surrealer Fiebertraum; dann Prisoners, ein in seiner Intensität schmerzhaft finsteres Entführungs-Drama mit Gyllenhaal als Cop.

Jetzt also Nightcrawler. Ein Film, der in der Tradition der politischen Thriller der siebziger Jahre steht, als Filmemacher das Genre im Zuge von "New Hollywood" für Kommentare auf soziale Zustände nutzten. Mithin ist Nightcrawler, der unabhängig produziert wurde, auch einer jener Filme, die man im Portfolio der großen Studios so sehr vermisst. Filme des mittleren Kostensegments, die innovativ und intelligent mit Hollywoods Erzähltraditionen umgehen. Nightcrawler kam überhaupt erst durch Jake Gyllenhaal zustande, der hier auch als Produzent fungiert.

Regie-Debütant Dan Gilroy, Bruder des Regisseurs Tony Gilroy (Michael Clayton), führt seine zwielichtige Hauptfigur im rasanten Finale nicht etwa einem vermeintlich gerechten Ende zu. Im Gegenteil. Vorteile im täglichen Wettbewerb lassen sich nur durch unlautere Methoden und rücksichtsloses Verhalten erzielen. Diese Diagnose macht Nightcrawler so erschütternd. Und wer den amerikanischen Traum für sich verwirklichen will, sollte nicht nur nicht zimperlich, sondern bestenfalls gleich ein Soziopath sein.