"Wenn wir brennen, brennen Sie mit!" schleudert Katniss (Jennifer Lawrence) dem Herrscher im Kapitol entgegen und damit hat sie endgültig die Wandlung von der Heldin wider Willen hin zur Revolutionsführerin vollzogen. Dabei wollte sie am Anfang eigentlich nur ihre jüngere Schwester, ihre Familie, später in der Arena ihren Partner Peeta und natürlich auch die eigene Haut retten. Aber solche persönlichen Motive und individualistischen Strategien reichen nicht mehr aus in dieser Welt, in der die Diktatur zu immer brutaleren Mitteln greift und sich der Widerstand gegen das totalitäre System formiert. Im dritten Teil von Die Tribute von Panem – dem Kinofranchise nach der Romantrilogie von Suzanne Collins – geht es nicht mehr um das zynische Medienereignis der Hungerspiele, in denen Katniss und die anderen Tribute in einen inszenierten Kampf auf Leben und Tod geschickt werden. Jetzt geht es um die Revolution und ihren Preis.

Aber auch die Revolution braucht – wie jedes Mode- oder Kosmetik-Label – ein Gesicht. Und dieses Gesicht kann nach der Meinung des PR-Mannes Plutarch Heavensbee (Philip Seymour Hoffman in einem letzten Auftritt) nur Katniss sein. Sie soll in Propaganda-Videos zum revolutionären Kampf aufrufen, doch ihre Versuche, im schmucken Amazonen-Outfit auf der Studiobühne die Unterdrückten für den Aufstand gegen das Kapitol zu gewinnen, enden in einem hohlen Agitprop-Desaster. Erst als sie mit einer Dokumentarfilm-Crew auf das Schlachtfeld geht, wo gerade ein Krankenhaus bombardiert wird, kommt die authentische Rage, jenes revolutionäre Feuer auf, nach dem die Präsidentin der Rebellenbewegung (Julianne Moore) gesucht hat.

Die Produzenten von Die Tribute von Panem konnten der Versuchung nicht widerstehen und haben den letzten Teil der Romanvorlage nach dem Harry-Potter-Twilight-Modell in zwei Kinofilme aufgeteilt. Der Profit des Franchises, dessen erste beiden Folgen bereits über 1,5 Milliarden Dollar eingespielt haben, soll noch weiter steigen. Diesem dritten Teil merkt man jedoch deutlich an, dass der erzählerische Bogen des Romans gewaltsam unterbrochen wurde. Die klassische Drei-Akt-Dramaturgie kann hier nicht mehr wirken, und der ganze Film hat eine lauernde Grundspannung, die innerhalb der zwei Kinostunden nicht wirklich aufgelöst wird.

Gerade das macht dieses Vorspiel zum letzten Akt aber auch interessant. Abgesehen von einer Hand voll kurzer Kampfsequenzen, die an der vom Krieg zerstörten Erdoberfläche ausgetragen werden, spielt der Film im geheimen District 13, wo die Rebellen in endlosen Katakomben einen unterirdischen Militärstaat aufgebaut haben. Es ist eine düstere Welt mit deutlichen Anleihen an Fritz Langs Metropolis, die allein dem Überleben und der Vorbereitung der Revolution dient. Die Menschen hier tragen schmucklose olivgraue Uniformen, die einen Gegenentwurf zum exzentrischen Luxus des Kapitols bilden und an die Kleidungsvorschriften der maoistischen Kulturrevolution erinnern. Das Rebellenlager im District 13 ist jedoch keine ideologisch verblendete Avantgarde, sondern eher von revolutionärem Pragmatismus geprägt, selbst wenn es auch hier um die Grundfrage einer jeden Revolution geht, nämlich ob der höhere Zweck alle Mittel heiligt.

In diesem Spannungsfeld muss sich Katniss als traumatisierte Heldin emotional und moralisch neu ausrichten. Man kann es der Autorin Suzanne Collins nicht genug anrechnen, dass sie ihrer weiblichen Hauptfigur Zweifel und Reflexionsvermögen tief eingeschrieben hat. So ist diese Katniss zwar eine echte Kämpfernatur, hört aber als Kind der Diktatur nie auf, autoritäre Strukturen und populistische Denkmuster zu hinterfragen und das große Ganze mit dem Persönlichen abzugleichen. Im Gegensatz zur Armada der Superhelden, die sich mit aufgesetzter Bescheidenheit im eigenen Edelmut sonnen und sich kopflos in ihre Weltrettungsunternehmen stürzen, bleibt Katniss' Kampf für die gerechte Sache immer eine ebenso komplexe wie fragile Angelegenheit.

Für diesen Wankelmut vor dem Kampfgetümmel nimmt sich der dritte Panem-Teil genügend Zeit, und wieder arbeitet der Regisseur Francis Lawrence mit Bildern, die Zeitgeschichte spiegeln. Etwa wenn das Kapitol vor laufenden Kameras Rebellen exekutieren lässt – gerade so wie die Kämpfer des "Islamischen Staats" in ihren Propagandavideos.

Erneut beweist sich Panem als ein Mainstream-Franchise, das sein meist junges Publikum ernst nimmt. In diesem dritten Teil vor der unvermeidlichen finalen Schlacht gibt es ihm wenigstens noch Raum zur Reflexion.