Xavier Dolan hat schlecht gefrühstückt, darum verspätet er sich zum Interview. Als er schließlich bereit ist, unterhält er sich zunächst mit einem kleinen Jungen, der ein Batman-Abzeichen an seinem T-Shirt trägt. Dolan erzählt dem Kind, dass er eigentlich ein Schauspieler sei, im Moment nur nicht dazu komme, aber sicher bald wieder, denn das Schauspielen, das könne er richtig gut. "Merk dir mein Gesicht gut", raunt Dolan  ihm abschließend zu, "eines Tages werde ich in einem Batman-Film mitspielen." Das Kind strahlt und Dolan setzt noch einen drauf: "Du bist hier in Hamburg mein Lieblingsmensch!" Dann wendet er sich mit ebenso viel Enthusiasmus der Mutter zu: "Nach Ihnen natürlich, Madame." Was für eine charmante Diva, dieser Dolan.

Zu Beginn des Gesprächs sagt er beinahe entschuldigend, dass er Deutsch lernen wollte, im Moment sei er aber viel zu beschäftigt mit seinem neuen Film, der eine Großproduktion mit Jessica Chastain, aber kein Hollywood sei, vielmehr eine Satire über Hollywood. Jetzt sei er jedoch hier, um sich um Mommy zu kümmern. Jenen seit Cannes sagenhaft bejubelten Film, der von der Beziehung zwischen einer labilen alleinerziehenden Mutter und ihrem halbwüchsigen, aufgrund seiner Hyperaktivität extrem anstrengenden Sohn Steve erzählt sowie von deren Freundschaft zu ihrer irgendwie traumatisierten Nachbarin.

ZEIT ONLINE: In Cannes hatten Sie vor und nach der Premiere Ihres Films Mommy Tränen in den Augen. Das sieht man dort selten und es verwundert vor allem, weil Sie sich mit dem Film – wie auch in Ihren vier früheren Filmen – als sehr selbstbewusster, unabhängiger Filmemacher zeigen. Sind Sie das gar nicht?

Xavier Dolan: Jetzt bin ich zwar entspannter als in Cannes, aber meine Filme und vor allem das, was über sie geschrieben wird, vermitteln einen falschen Eindruck von mir.

ZEIT ONLINE: Welcher ist denn der richtige?

Dolan: Ich bin jemand, der ständig an dem zweifelt, was er tut. Ich schreibe voller Zweifel – Zweifel an mir und an meiner Arbeit. Deswegen lese ich auch jeden Artikel, der über mich geschrieben wird.

ZEIT ONLINE: Das ist erstaunlich. Viele vermeiden das, weil es schrecklich anstrengend sein kann, sich mit Kritiken auseinanderzusetzen.

Dolan: Ich kann nicht anders. Ich lese alles!

Nach einem sehr langen, sehr festen Blick in die Augen seines Gegenübers wiederholt er das noch einmal: "Alles!" Er scheint plötzlich zu bemerken, dass das fast wie eine Drohung klingt, und wischt sie mit beiden Händen aus der Luft. Lächelnd erzählt er weiter, wobei hinter den meisten Sätzen ein Ausrufezeichen zu hören ist.

Dolan: Wenn Sie etwas geschaffen haben, das Sie zwei Jahre Ihres Lebens gekostet hat, in denen Sie nichts anderes getan, kaum Ihre Familie gesehen, in denen Sie stundenlang einsam gegrübelt haben, allein gereist sind, um Antworten auf Probleme zu finden – und dann in dem Saal auf einmal 2.000 Menschen aufstehen, Tränen in den Augen, und applaudieren. Wären Sie da nicht auch bewegt?

ZEIT ONLINE: Meine Arbeit ist eher ein Handwerk. Man kann es lernen und abschätzen, ob etwas gelingt. Ihre Arbeit verlangt viel Kreativität.

Dolan: Darum die große Emotionalität! Ich muss alles aus meinem Inneren schöpfen: Die Ideen! Die Antworten! Die Selbstbeschränkung, was davon ich besser nicht umsetze! Alles bleibt über die lange Zeit der Entstehung im Zweifel. Die lösen sich dann schlagartig auf, wenn der Film angenommen wird, gerade an so einem Ort wie Cannes, wohin die besten Filmemacher und Schauspieler eingeladen werden.

ZEIT ONLINE: Trotzdem haben Sie nach der Auszeichnung mit dem Jury-Preis gesagt, dass Sie enttäuscht sind: Sie hätten lieber die Goldene Palme gewonnen.