Manchmal soll Filmsprache einfach nur überwältigen. So wie die spektakuläre Kamera-Kreisbewegung in der zweiten Episode von Marco Polo. Zunächst sieht man den stolz im Sattel sitzenden Kublai Khan, dessen goldene Rüstung in der Sonne funkelt. Ein Schwenk nach rechts offenbart die lange Reihe seiner zum Kampf angetretenen Armee. In der Ferne schimmert ein majestätisches Bergmassiv in der endlosen mongolischen Steppe. Die Kamera dreht sich immer weiter, zeigt die Kämpfer der feindlichen Armee, um schließlich auf die links des Khans stehenden Reiter abzuschwenken.

Schierer Bombast, der den Zuschauer förmlich anschreit: "Sieh her! Wieder eine fantastische Serie, noch kolossaler als Kino!" Dieser Gestus zieht sich nicht nur durch alle zehn Folgen von Marco Polo, er erzählt auch viel über die derzeitige Lage der Produktionsfirma Netflix. In schwindelerregend kurzer Zeit hat sich der Video-on-Demand-Anbieter einen Namen als Produzent innovativer Serien wie House of Cards gemacht. In zahlreichen Medienberichten steht er für binge watching und das zukünftige Modell des Home Entertainments überhaupt.

Aber Netflix muss wachsen und braucht dringend mehr zahlende Zuschauer, um finanziell erfolgreich zu sein. In den USA ist der Konzern Marktführer, doch in Europa, wo er seit diesem Jahr in 13 Ländern verfügbar ist, muss sich sein Geschäftsmodell erst noch beweisen. Netflix muss den Mainstream erobern. Mit Marco Polo soll ihm das gelingen.

Das lässt der Konzern sich einiges kosten. Mit 90 Millionen Dollar soll die Serie zu Buche schlagen, als Co-Produzent ist die Weinstein Company an Bord, die sonst eigentlich fürs Kino produziert. Marco Polo will also nicht innovativ sein, sondern Kunden anlocken. Das macht sich bemerkbar: Unter der aufpolierten Oberfläche steckt eine konventionell gestrickte Geschichte.

Mit "Marco Polo" will man Europa wie die USA bedienen

Das bedingt schon die Wahl des Genres. Bei einem historischen Drama sind die dramaturgischen Pfade eben ausgetretener, die Konflikte absehbarer als bei Comedy wie Orange is the New Black oder satirischer Animation wie BoJack Horseman. Auch, dass die Wahl auf die Geschichte des China-Reisenden Marco Polo fiel, verrät Kalkül. Sie ist in Europa und den USA gleichermaßen bekannt und wurde schon oft erzählt: In Italien in einer vierteiligen Miniserie, in Hollywood mit Gary Cooper in der Hauptrolle, und selbst Horst Buchholz stand als venezianischer Handlungsreisender vor der Kamera.

Jetzt geht es also erneut an den Hof des Kublai Khan (Benedict Wong). Marco Polo (Lorenzo Richelmy), der mit seinem Vater und Onkel über die Seidenstraße nach China reiste, kommt zunächst als Gefangener hierher und wird von seinen Verwandten im Stich gelassen. Aber der junge Mann steigt schnell zum Berater des Regenten auf, soll ihm aus entlegenen Winkeln seines Riesenreiches Bericht erstatten und wird nebenbei zum Kampfkünstler gestählt.

Im Zentrum der höfischen Intrigen steht zunächst der Bruder des Khan, der ihm seinen Thron streitig macht. Dann dreht sich die Geschichte um den Kampf gegen die chinesische Song-Dynastie und den Aufstieg des Khan zum Kaiser von China. Und selbstverständlich bahnt sich zwischen Marco Polo und einer schönen Prinzessin ein amouröses Abenteuer an.