Die Simpsons, einst als Pausenfüller für die Tracey-Ullman-Show entwickelt, ist mittlerweile die langlebigste Serie des amerikanischen, was sage ich, des weltweiten Fernsehens. Weder die russische noch die arabische Welt müssen auf die Animationsserie um die gelbhäutigen Bewohner der Stadt Springfield verzichten. Natürlich sind dort gewisse Eingriffe notwendig, aus Gründen des Seelenheils und der Staatssicherheit, so wie ja auch in Deutschland bei den TV-Ausstrahlungen mit fürsorglicher Zensur auf empfindliche nationale Seelen Rücksicht genommen wird, etwa wenn es um die Nazi-Vergangenheit des Landes geht, von der wir nun wirklich nichts aus dem Munde gelbgesichtiger Trickfiguren hören wollen. 

Am 17. Dezember 1989 also ging die Serie erstmals auf Sendung, seit 25 Jahren wird sie ununterbrochen produziert. Und auch wenn Fans der ersten Stunde behaupten, sie habe in jüngerer Vergangenheit etwas von ihrem satirischen Biss verloren, ist die Popularität ungebrochen. Die Simpsons haben, so scheint's, etwas über unsere Welt zu sagen, was mittlerweile nicht nur zu einer einzigartigen Merchandising-Maschine, zu Comics, T-Shirts, Kakaotassen, Videospielen, sondern auch zu einer interdisziplinär agierenden Simpsonologie geführt hat, mit deren Vertretern nicht zu spaßen ist. 

Dabei fängt alles zunächst einmal recht harmlos an: Die Simpsons sind eine typische, mehr oder weniger dysfunktionale, gleichwohl mehr oder weniger funktionierende Familie der unteren Mittelschicht in einer typischen Kleinstadt namens Springfield. Springfield ist der Städtename, der in den USA am meisten verbreitet ist (allein in Georgia gibt es neun Orte dieses Namens, Virginia bringt es immerhin auf acht). Aber in Wirklichkeit kann Springfield so sehr überall in den USA liegen, dass die Stadt nicht einmal eine konsistente Landschaft oder ein bestimmtes Klima aufweist. Die Wahl von Springfield geht, schon sind wir in der angewandten Simpsonologie, allerdings auch auf andere amerikanische Serien zurück, darunter Father Knows Best, die typischste amerikanische Typische-Familien-Serie aus dem typischsten Mittelwesten mit den typischsten Werten, Sprüchen und Ritualen. Springfield ist nicht nur eine Überallstadt, sondern auch eine Nirgendsstadt – in einer Folge streichen die Simpsons alle jene Bundesstaaten durch, in denen sie sich nicht mehr blicken lassen dürfen: Es bleibt keiner übrig.

Die ganze Gesellschaft in einer Familie

Zur Familie gehört die pragmatische Hausfrau Marge mit der größten aller blauen Bienenkorbfrisuren, die immer wieder beweist, dass sie zu viel Höherem befähigt wäre (taffe Polizistin, Fernsehstar, Malerin, Eventgastronomin), aber freiwillig in den Schoß der Familie zurückkehrt, weil das nun mal ihre wahre Bestimmung ist, Hausfrau und Mutter zu sein. Ihr Mann Homer ist ein Heimtier ebenso wie ein großer Geschichtenerzähler und hat im Gegensatz zu Marge nicht die geringsten Talente, sondern kümmert sich hauptsächlich um Duff-Bier, Fernsehen und Junkfood. Aber sein Versagertum bleibt stets aufgefangen von seiner Familie und einer Gemeinde, in der das Versagertum als Normalzustand akzeptiert ist. Ab und an treibt ihn eine aberwitzige Idee zum Geldmachen in die Welt hinaus, was konsequent in einer Katastrophe mündet.

Diese Dialektik von Menschen, die können, aber nicht wollen und anderen, die wollen, aber nicht können, setzt sich weiter fort: Der Sohn, Bart Simpson, ist nicht nur ein typischer Lausbub, sondern der bereits vollendete amerikanische Zyniker und Egomane, der rugged individualist, der ganz nach dem Vater kommt, aber um etliches mehr Intelligenz und kriminelle Energie besitzt. Die Tochter Lisa ist der Gutmensch, der sich für Umwelt, soziale Gerechtigkeit oder künstlerischen Ausdruck (als begnadete Saxofonspielerin) engagiert, aber damit in einer Gemeinschaft der egomanen Zyniker und selbstgerechten Frömmler nicht weit kommt. Sie muss erfahren, dass Intelligenz und Sensibilität in Springfield ganz einfach überflüssig, wenn nicht sogar störend sind. Die Jüngste, Maggie, scheint beschlossen zu haben, auf die Sprache zu verzichten (wenn gewisse Worte wie Daddy oder Sequel über ihre Lippen kommen, ist das ein Gag, der sogleich wieder im Schweigen versinkt). Gelegentlich kommen der verwirrte Großvater und die beiden dauerqualmenden, hämischen Schwestern von Marge hinzu, um die familiären Konflikte zu verschärfen.

Der Ort Springfield wird beherrscht von Mr. Burns, dem Eigner des Atomkraftwerkes, der es mit der Sicherheit bei Weitem nicht so genau nimmt wie mit seinen Einnahmen: Er ist ein Nachfahr von Charles Dickens' Scrooge. Zusammen mit seinem schleimigen und unglücklichen Assistenten Smithers unternimmt Mr. Burns manchmal aus reiner Bosheit auch Kreuzzüge gegen seine Mitmenschen. Unfähige, korrupte Polizei, ein bigotter Nachbar mit seinen beiden chorbetenden Knaben, ein indischer Supermarktbesitzer, der zweifelhafte Waren verkauft, eine schmuddelige Bar namens Moe's, der raffgierige, üble Clown Krusty, eine ebenso unfähige wie bornierte Lehrerschaft, ein dauerbekiffter Schulbusfahrer... Springfields Bewohner halten zusammen, wenn es darum geht, die Verhältnisse gegen äußere Kräfte zu bewahren, ansonsten hauen sie sich gegenseitig unentwegt nach Kräften übers Ohr. Die Gesellschaft von Springfield funktioniert, weil man sich auf die fiesen, dummen und neurotischen Eigenschaften ihrer Mitglieder verlassen kann.