Szene aus dem Arte-Dokumentarfilm "Schweig, Verräter!" © Arte

Manche Fernsehsendungen verursachen physische Schmerzen. Und nein, hier ist weder von der saftigen ZDF-Schnulze am Sonntagabend die Rede noch vom Müll, mit dem RTL auch die restlichen 9.990 Minuten der Woche vollstopft. Es geht um die alltäglichen Geißelungen des Menschen, besonders jener, die das Gerechtigkeitsempfinden berühren. Es geht also um Wahrheit, die nicht nur im Krieg zum ersten Opfer wird, um zivilisatorische Verlogenheit, um die USA.

Gestern Abend zeigte Arte einen Dokumentarfilm über das selbsternannte Land der Freiheit, der im Verlauf seiner 102 Minuten so permanent an die Grenzen körperlicher Qual stieß, dass man sich zuweilen im Leib der Opfer fühlte. Und von denen gibt es in Schweig, Verräter! eine  Menge. Schon der Untertitel verweist darauf, welche es sind: Whistleblower im Visier. Vom Duden als Zuträger geheimer Informationen definiert, gelten Whistleblower im englischen Sprachraum wohlwollend formuliert als Petzen, also verräterische Nestbeschmutzer. Und so werden sie, das belegt der Film in jeder peinigenden Sekunde mehr, auch behandelt.

Da wäre John Kiriakou, der vor sieben Jahren als erster CIA-Beamter mit einem medialen Paukenschlag publik machte, was sich die US-Regierung bis heute weigert, Folter zu nennen: Waterboarding. Da wäre Jesselyn Radack, die als Anwältin des Justizministeriums Behörden zu ethischen Fragen berät, dabei jedoch unfassbare Missstände aufgedeckt hat, was sie fortan selbst ins Visier der Ermittler gebracht hat. Und da wäre Thomas Drake, NSA-Experte für Software-Tests des Auslandsgeheimdienstes, den seine korrekte Arbeit Amt und Würde kostete. Sie alle werden als dienstbeflissene Patrioten porträtiert, deren Gewissenhaftigkeit ihre Karrieren zerstört hat. Und wäre das Thema nicht so ernst, man könnte sich wunderbar über den Regisseur amüsieren, der allen Ernstes James Spione heißt.

Noch schlimmer als es der CIA-Bericht verrät

Um das, was sein Nachname so putzig ausdrückt, geht es in Schweig, Verräter! allerdings nur vordergründig. Eine Woche nachdem der Geheimdienstausschuss des US-Senats die 500-seitige Zusammenfassung eines sechsmal dickeren Berichts über die Machenschaften der CIA im war on terror veröffentlicht hat, zeigt Arte, dass alles noch viel furchtbarer ist. John Kiriakou, so filtert der Film Szene für Szene heraus, entlarvt Washingtons Sicherheitspolitik als völkerrechtswidriges, menschenverachtendes, auch nach eigenem Recht illegales System entfesselter Agenten im In- und Ausland – und landet für die Aufdeckung nur Dank eines dubiosen Deals 30 statt 300 Monate im Gefängnis.

Weniger drastisch, aber ebenso ungerecht ergeht es James Drake und Josselyn Radack. Wofür sie nach dem sogenannten Geheimnisverrat mit allerlei Preisen für Zivilcourage geehrt wurden, dafür bestrafte sie der Staat mit Ächtung, Ausschluss, Berufsverbot, einem Leben ohne Perspektive. "Schon immer waren Menschen gezwungen, sich zwischen ihrem Gewissen und ihrer Karriere zu entscheiden", sagt die desillusionierte Juristin Radack zu Beginn, "doch nun riskieren sie sogar ihre Freiheit und ihr Leben".