Eine Tapetentür öffnet und schließt sich. Zurück bleibt eine makellose Wand mit Blütenmuster. Sie wirkt wie ein Symbol für Jessica Hausners Film Amour Fou, in dem sich viel mehr versteckt, als man zunächst wahrnimmt. Auf den ersten Blick sieht man nur die schöne Oberfläche eines Kostümfilms. Deutschland im Jahr 1811, in den Salons der Aristokraten und des gehobenen Bürgertums erfreut man sich an Kammermusik und empört sich über die Idee, eine Steuer von allen Bürgern zu erheben, Adel wie Pöbel.

Einzig der Dichter Heinrich stört mit seinen düsteren Gedanken die Saturiertheit. Er ist vom Leben angewidert und möchte daraus entfliehen. Aber nicht alleine. Deshalb will er seine geliebte Cousine Marie (Sandra Hüller) davon überzeugen, mit ihm gemeinsam Selbstmord zu begehen. Als sie ablehnt, findet er in Henriette (Birte Schnöink) eine Gefährtin im Tode.

Hausners Film verhandelt unverkennbar den Doppelselbstmord von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel im November 1811. Die österreichische Regisseurin will Amour fou allerdings als "ironische Liebeskomödie" verstanden sehen. Also geht es nicht um die große, leidenschaftliche Liebe, wie der Titel suggeriert?

Das Interessante an diesem in seiner Sprödheit gewöhnungsbedürftigen Film ist, dass er seinen Zuschauer mehrmals durch versteckte Türen schickt. Zunächst glaubt man, das Thema sei eine Liebe gegen die Konventionen, die im Freitod mündet. Dann, der Missbrauch der Henriette von Vogel, die Kleist ganz dreist als Ersatz für seine Cousine benutzt. Als sich aber zeigt, dass Henriette ganz eigene Gründe hat für ihren Entschluss zu sterben, dreht sich das Gedankenspiel weiter.

Amour fou scheint nicht in die Tradition von Hausners bisheriger Filme zu passen. Sowohl in ihrem Thriller Hotel wie auch in ihrem beinahe dokumentarisch anmutenden Pilger-Drama Lourdes ist ihr Stil extrem nüchtern. Man könnte sie als österreichische Vertreterin der Berliner Schule bezeichnen.

Der egozentrische Gedanke, nicht allein sterben zu wollen

Jetzt hat die Regisseurin ein historisches Sujet in ein zeitgenössisches Konversationsstück verwandelt. Die Dialoge orientieren sich an Kleists Briefwechseln von vor 200 Jahren, hören sich aber nie gestellt, sondern völlig natürlich an. Auch die Kulissen, die Boudouirs und Salons, wirken erstaunlich zeitgenössisch. Manche Einstellungen erinnern an die strengen Tableaus, die der österreichische Regisseur Ulrich Seidl in seinen Filmen entwirft.

Für sie habe weniger die Geschichte Kleists im Vordergrund gestanden als die Idee des gemeinsamen Selbstmordes, sagt Hausner. Was sie interessiert, ist der Wunsch, angesichts der Sinnlosigkeit, Oberflächlichkeit und Grausamkeit der Welt daraus zu verschwinden – und der egozentrische Gedanke, das nicht allein zu tun.