Die schräg stehenden Augen, die hohen Wangenknochen und die weichen, vollen Lippen, die seine Züge weiblich machen – Benedict Cumberbatch hat ein bemerkenswertes Gesicht. Doch als er mit großer Verspätung zu dem Pressetermin ins Londoner Hotel Claridge’s kommt, bemüht er sich um Unsichtbarkeit und gleitet mehr durch die Lobby, als sie zu durchschreiten. Gekleidet ist er in gedeckten Farben, hellbraun, grau, Kappe, Blousonjacke, so etwas in der Art: unauffällig.

Zum Interview wenig später erscheint er im Jackett und dunklem Hemd, nur eine Spur markanter im Auftreten. Die Freude mancher Filmstars am Erkanntwerden teilt er nicht. Jedenfalls nicht an diesem späten Dezembernachmittag. Da wirkt er, als würde er lieber, wie so viele von uns, kurz vor Weihnachten bestimmte Dinge noch zum Abschluss bringen. Eben kommt er von Dreharbeiten zu einem Shakespeare-Zyklus für das BBC-Fernsehen, der unter dem Titel The Hollow Crown läuft und in dem er einen der größten Schurken unter den Shakespeare-Königen spielt, Richard III. Dazu musste Cumberbatch lange Textpassagen auswendig lernen, und das am Ende eines langen, arbeitsreichen Jahres. Da ist eine Andeutung von Erschöpfung, so viel lässt er durchblicken.  

Cumberbatch ist gekommen, um seinen Film über den genialen Mathematiker Alan Turing zu bewerben, The Imitation Game – Ein streng geheimes Leben, der am 22. Januar in Deutschland anläuft. Nur darüber möchte er reden. Über den großen Informatiker, Kryptoanalytiker, Logiker und Mathematiker Alan Turing spricht Benedict Cumberbatch mit Leidenschaft und Wärme. Turings Bedeutung kann er gar nicht hoch genug preisen und die Tragik seiner Geschichte beweinte er, wie er sagt, buchstäblich nach dem Dreh der finalen Filmszenen. Turing war maßgeblich an der Entzifferung deutscher Funksprüche im Zweiten Weltkrieg beteiligt, was erst in den siebziger Jahren bekannt wurde. Anfang der fünfziger Jahre wurde er wegen seiner Homosexualität, die damals noch als strafbar galt, zur chemischen Kastration verurteilt. Knapp zwei Jahre später nahm er sich das Leben.

Alan Turing ist eine von vielen genialen oder genialischen Figuren, die Cumberbatch in seiner Karriere porträtierte: den Maler Vincent Van Gogh und den Physiker Stephen Hawking in BBC-Programmen, den Physiker Werner Heisenberg in einem Hörspiel, den Politiker William Pitt in Amazing Grace und den Aktivisten Julian Assange in The Fifth Estate.

Ganz auf der Linie der isolierten, intelligenten Männer, die er gespielt hat, liegt sein größter Erfolg: Die Gestaltung der Detektiv-Ikone Sherlock Holmes. Mit Schnelldenker "Sherlock", dessen Verbalkaskaden und dessen langen, dunklen Belstaff-Mantel, der Cumberbatch auch physisch Heldenformat verleiht, wurde er zum Weltstar. Den Detektiv zeigte er als hoch entwickelten Soziopathen, wie Sherlock selbst von sich sagt. Hier findet man auch einen roten Faden, der sich durch Cumberbatchs Rollenwahl zieht: Immer wieder geht es um den Einzelnen im dramatischen Spannungsverhältnis zur Gesellschaft. Am besten ist Cumberbatch dabei übrigens immer dann, wenn er seinen Charakteren eine bestimmte Ambivalenz einschreibt, wenn man nicht ganz sicher ist, ob man sie mag oder unerträglich finden soll.