Nach einer anstrengenden Gipfelbesteigung fällt einer von Cheryl Strayeds Wanderstiefeln den Berg hinab. Wütend wirft sie den anderen hinterher. Mit dieser Szene beginnt Der große Trip – Wild, die Verfilmung des gleichnamigen Bestsellers, der von Cheryl Strayeds 1.700 Kilometer langem Marsch auf dem Pacific Crest Trail berichtet. Dem Regisseur Jean-Marc Vallée gelingt damit ein filmisches Kabinettstück. Unvermittelt versetzt er den Zuschauer in den Kopf der Hauptfigur, in dem sich im Moment der ohnmächtigen Wut auch der Frust, die Enttäuschung, die Trauer entladen, die Cheryl erst hierher getrieben haben, auf diesen gottverlassenen Berggipfel. 

In einer rasend schnell geschnittenen Rückblende sehen wir Bilder, die wir noch nicht einordnen können. Erinnerungen an eine Frau, die wahrscheinlich ihre Mutter ist, an Drogenexzesse, wilden Sex, Streit, Tränen. Vallée wird diese Rückblendenstruktur durchhalten, sodass sich erst über die Länge des gesamten Films langsam und bruchstückhaft Cheryls Schicksal entblättert.

Als sie 26 war, ging nichts mehr im Leben der 1968 in Pennsylvania geborenen Cheryl Strayed. Vier Jahre zuvor war ihre Mutter an Lungenkrebs gestorben, und die Trauer um sie wollte nicht nachlassen. Zu ihrem gewalttätigen Stiefvater hatte sie den Kontakt abgebrochen. Die junge Frau versuchte ihrer wachsenden Verzweiflung durch wahllosen Sex, Alkohol und Heroin zu entkommen. Am Ende hatte sie auch noch ihre Ehe ruiniert. Cheryls Ausweg war 1995 der als äußerst anspruchsvoll geltende Wanderweg Pacific Crest Trail, den sie drei Monate lang auf einem Teilstück zwischen der Mojave-Wüste und Portland in Oregon ging. Ohne jede Erfahrung, ohne Vorbereitung.

Die Wanderung – ein Weg zu sich selbst, ja, ja. In den letzten Jahren ist diese Form der Selbsterforschung zum Wellness-Klischee verkommen. In Deutschland durch Hape Kerkelings Buch Ich bin dann mal weg, dessen Verfilmung uns übrigens nächstes Jahr beglücken wird. Seitdem ist auf dem Jakobsweg die Pilgeritis ausgebrochen; dort entstand auch 2010 mit Martin Sheen in der Hauptrolle das Wander-Drama Dein Weg. Vor allem aber wirkt Der große Trip auf den ersten Blick wie eine nachgeschobene, weibliche Variante von Sean Penns Into the Wild (2007), in dem Emile Hirsch mutterseelenallein in die Wildnis Alaskas aufbricht.

Muss also Der große Trip wirklich noch sein? Oder handelt es sich eher um einen Ego-Trip der Schauspielerin Reese Witherspoon, die die Rechte an dem Buch schon vor dessen Erscheinen 2012 gekauft hatte und auch mal ungeschminkt vor die Kamera wollte? Nein, man muss diesen Film wirklich in Schutz nehmen. Der Film ist ein packendes, zutiefst bewegendes Drama geworden, das es immer wieder schafft, drohende Kitsch-Klippen elegant zu umschiffen und etwas Profundes über die menschliche Seele, die Natur und die Verbindung zwischen beiden auszudrücken.

Dazu trägt die große Wahrhaftigkeit von Strayeds Vorlage bei, die Nick Hornby in seiner Drehbuch-Variante konserviert hat. Wahrhaftigkeit ist ein viel zu leichtfertig verwendetes Wort, auf die Arbeit dieser Autorin trifft es aber unbedingt zu. Denn natürlich hat ihr Erfahrungsbericht den Ruch der Erbauungs- und Selbstfindungsliteratur. Nicht nur das, Strayed schrieb bis 2012 sogar eine Ratgeber-Kolumne für Menschen in Lebenskrisen. Die entstanden allerdings für die Literatur-Webseite The Rumpus, und in diesem künstlerischen Anspruch liegt auch der Unterschied zwischen Strayeds Arbeit und der Flut herkömmlicher Seelenstreichler. Ihre Prosa ist literarisch von hohem Rang; ungemein dicht und mit leuchtenden Bildern arbeitend, zugewandt und von tiefem Mitgefühl geprägt.