Es gibt drei Arten von Filmen über die Finanzkrise. Da wären zum einen die analytischen, die es sich zur Aufgabe machen, die Hintergründe, Mechanismen und Mittelsmänner des Geschehens zu zeigen. Sie gewähren gewissermaßen einen Blick in den Maschinenraum der professionellen Geldvermehrung, die durch die Immobilienkrise in den USA 2007 so empfindlich wie weltwirtschaftlich folgenreich gestört wurde. Ein Meisterwerk dieser Kategorie hat gerade erst den Europäischer Filmpreis für Dokumentarfilm gewonnen: Master of the Universe von Marc Bauder. Knapp 90 Minuten lang spricht ein einziger Ex-Banker konzentriert in die Kamera – und hinterher hat man sich keine Sekunde gelangweilt und vieles verstanden. Ähnlich puristisch, wenn auch als Spielfilm war das Kammerspiel Margin Call mit Kevin Spacey inszeniert, das auf der Berlinale 2011 leer ausging und auch in den Kinos fast unbemerkt blieb.

Zweitens gibt es die filmischen Verarbeitungen der "Krise" (ohnehin signifikant, dass es uns meist schon reicht, bloß von "der Krise" zu sprechen, als sei ihre Spezifizierung als eine ökonomische bereits obsolet). Statt Ursachen-Wirkungsforschung zu betreiben, wenden sie sich von der Institution ab und dem Einzelschicksal zu. Gelungen ist dies im letzten Jahr etwa dem griechischen Drama Sto Spiti – At home, das einem in verstörend schönen Breitbildeinstellungen Zynismus und Demütigung bei der Entlassung einer Haushälterin nahebringt.

Und dann gibt es die Filme über die Finanzkrise, in denen es gar nicht um die Finanzkrise geht. Die vielleicht Ursache und Wirkung auf einmal zeigen wollten, und denen dabei beides misslingt. So einer ist Die süße Gier von Paolo Virzí. Denn ja, zwar verdankt hier jemand seinen Reichtum dem Handel mit Risikoanleihen, und ein anderer stürzt sich dabei in den wirtschaftlichen Ruin. Doch verstanden hat man hinterher wenig, und mitgelitten ebenfalls kaum. Wenig nachvollziehbar, warum Il capitale umano (Deutsch: Das Humankapital), wie der Film nach der amerikanischen Romanvorlage Human Capital von Stephen Amidon im Original heißt, als große Erzählung über die italienische Wirtschaftskrise angekündigt und in seinem Heimatland bereits mit dem wichtigsten Filmpreis, dem David di Donatello, ausgezeichnet wurde (und dabei sogar Paolo Sorrentinos Meisterwerk La grande bellezza hinter sich ließ).

Was ist in Die süße Gier denn nun zu sehen? Ein Autounfall, eine riskante Geldanlage, eine verpasste Schauspielkarriere, eine Ehekrise, eine jugendliche Liebe, eine späte Schwangerschaft, Neid und Leichtsinn, Sehnsucht und Wut. Versuch einer Ordnung: Zwei gegensätzliche Familien in einer reichen Gegend in der Nähe von Mailand lernen sich über die Liaison ihrer halbwüchsigen Kinder kennen. In der ersten, bei den Bernaschis, herrscht eine Art moderner Wohlstandsverwahrlosung: Der Vater spekuliert, die Mutter geht shoppen, der Sohn säuft, das alles vor den Kulissen von Privatpool, Tennisplatz und Luxuskarossen. Ihr gegenüber steht die Familie von Dino Ossola: Er ein trotteliger Immobilienmakler, sie eine einfühlsame Jugendtherapeutin, die Tochter schön und sensibel. Aber, ach! – beim Anblick des fürstlichen Anwesens der Herrschaften, die sein Töchterchen ob des Sprösslings frequentiert, befällt den unsteten Gesellen Dino die Gier wie ein Schnupfenvirus – und das Unglück in Form einer geradezu schreiend unverantwortlichen Geldspekulation nimmt seinen finanzkrisenbeschleunigten Lauf.

Die eigentliche Tragödie, ein Unfall mit Fahrerflucht, steht da allerdings erst noch aus. Fatalistisch zeigt die achronologisch erzählte Geschichte sie gleich am Anfang als schlimmstmögliche Wendung, auf die alles zusteuert. Doch scheint sie in keinem kausalen Zusammenhang zum bisherigen Geschehen zu stehen, sondern schlicht nach dem Motto zu funktionieren: Wo die Alten Mist bauen, da setzt die Jugend gern noch einen drauf.