Zwei muskelbepackte Hünen in hautengen Spandex-Hosen umkreisen einander. Mächtige Bizepse umklammern sich, muskulöse Oberschenkel schieben und stemmen. Die beiden finden einen Rhythmus, verfallen in einen behäbig-eleganten Tanz. Plötzlich geht der Größere der beiden zum Angriff über, das gemächliche Schaukeln wird binnen Sekundenbruchteilen zum Kampf, aus dem der Kleinere eine blutige Nase davonträgt. Doch schon nach einer kurzen Pause gehen die beiden wieder auf ihre Positionen und beginnen ihren Ringelpietz erneut, als wäre nichts geschehen.

Als Ringer wird man nicht berühmt. "Es ist eine niedere Sportart", wird später jemand in Foxcatcher sagen. Auch die Brüder Mark und Dave Schultz, die hier miteinander trainieren, kennt fast niemand außerhalb der Ringerwelt, obwohl sie Mitte der 1980er Jahre olympische Goldmedaillen, Weltmeister- und diverse andere Titel gewannen. Zwar macht der Regisseur Bennett Miller die Brüder (verkörpert von Channing Tatum und Mark Ruffalo) zu Hauptfiguren seines neuen Films, zwar zeigt er neben der Rivalität der beiden durchaus auch die Ästhetik ineinander verkeilter Männerkörper. Doch mit seinem neuen Film hat Miller anderes vor, als das Bild dieses Kampfsports geradezurücken. 

Der Komiker Steve Carell spielt in einer aufsehenerregenden Gegen-den-Strich-Besetzung den Multimillionär John Eleuthère du Pont, Spross einer der ganz großen amerikanischen Unternehmerdynastien und selbst ernannter Coach des ringenden Brüderpaars. In Foxcatcher macht ihn Carell durch seine phänomenale, alles andere als lustige Verwandlung zu einer der beunruhigendsten Figuren, die man seit Langem im US-Kino gesehen hat. Der Film wird durch ihn zum packenden Psychodrama, das in die Tiefen des amerikanischen Unterbewusstseins hinabsteigt und dort eine verstörende Wirrnis findet.

Mark Schultz hat seine beste Zeit als Ringer eigentlich schon hinter sich, als ihn die Einladung du Ponts erreicht. Ruhm oder Wohlstand haben ihm die Schinderei des täglichen Trainings und seine Titel nicht gebracht – Mark lebt in einem schäbig eingerichteten Appartement und ernährt sich von Fertiggerichten. Der First-Class-Flug nach Pennsylvania auf das Anwesen des Millionärs befördert ihn in eine andere Welt: viktorianische Villa, Dienerschaft, weitläufige Parks. John du Pont stellt sich vor als Ornithologe, Philatelist, Waffennarr und Kampfsport-Enthusiast. Ein komischer Kauz, der pathetische Reden über Helden und das Ansehen der USA schwingt. Aber er macht Mark auch ein Angebot, dass der nicht ausschlagen kann: Er soll gegen gute Bezahlung auf das Anwesen ziehen und sich im eigens dafür eingerichteten Foxcatcher-Trainingszentrum mit dem US-Ringerteam auf die Olympischen Spiele 1988 in Seoul vorbereiten.

Zwischen dem Möchtegern-Coach und seinem Schützling entwickelt sich rasch ein ungutes Abhängigkeitsverhältnis. Obwohl schnell klar wird, dass du Pont bestenfalls amateurhafte Kenntnisse vom Ringen hat, spielt er sich als Mentor und Vaterfigur auf. Die unterschwellig aggressive Natur der Beziehung nimmt Züge offener Paranoia an, als auch Dave, Marks Bruder, beim Team Foxcatcher anheuert.

Regisseur Bennett Miller, der 1998 mit einem Dokumentarfilm debütierte, ließ sich nach Capote (2005) und Moneyball (2011) für sein neues Projekt erneut von der Wirklichkeit inspirieren. Fünf Jahre lang recherchierte er die realen Vorkommnisse, befragte Zeugen, reiste an Schauplätze, durchstöberte Archive. Ziel war dabei aber keine Akkuratesse im dokumentarischen Sinn. Miller dreht keine Doku-Dramen, nicht mal Biopics. Ihn interessiert die Geschichte hinter der Geschichte. Er will wissen, was sie über die beteiligten Figuren sagt, über die Verhältnisse, in denen sie leben, und über den Zustand der USA.

Gerade dadurch, dass Miller vom tatsächlichen Ablauf der Ereignisse abweicht, Details anders arrangiert, sie also in eine Dramaturgie bringt und konzentriert, wird der Regisseur zum gegenwärtig spannendsten Chronisten der amerikanischen Gesellschaft. Damit macht er sich nicht nur Freunde: Der echte Mark Schultz, der den Film zunächst mitproduzierte und in den den höchsten Tönen lobte, wünschte Miller zu Silvester über Twitter den Tod und drohte, dessen Karriere zu beenden.

Foxcatcher dreht eben das vor allem in den USA oft zu patriotischer Selbstvergewisserung benutzte Genre des Sportfilms zu einer verstörenden Parabel auf den amerikanischen Traum. Dass hier jeder das große Glück erhaschen könne, entlarvt Miller als hohle Phrase. "Ich führe Männer an, ich gebe Amerika Hoffnung", brüstet sich John du Pont. Eine ganz offensichtlich närrische Selbstüberschätzung, denn er versagt als Trainer kläglich und hat seine gesellschaftliche Stellung nur seinem ererbten Reichtum zu verdanken. Mark Schultz dagegen erfährt trotz all seiner hart erarbeiteten Triumphe auf der Matte keine echte Anerkennung.

Bennett Miller zwingt diese Geschichte nicht in die Form eines Dramas mit überdeutlicher Botschaft. Meisterhaft legt er in Foxcatcher Bedeutungsspuren, lässt seinen faszinierenden Charakteren aber ihr Geheimnis. Die atmosphärische Anspannung steigert sich bis zum tragischen Ende fast ins Unerträgliche. Dabei kommen ganze Sequenzen mit wenig Dialog aus. Die Geschichte erzählen meist allein die Bilder. Beim Filmfestival in Cannes wurde Bennett Miller 2014 für seine großartige Leistung als bester Regisseur ausgezeichnet. Jetzt ist er neben Carell und Mark Ruffalo für die Oscars nominiert.