Drei tätowierte Punkte berechtigen zur Teilnahme am vida loca, dem verrückten Leben. So nennen die mexikanischen Gangs ihre exklusiven Zirkel, die über Leben und Tod entscheiden können. Für den 17-jährigen Mateo bedeutet seine Zugehörigkeit zunächst eine Lebensversicherung. Er will wie sein älterer Bruder Lino illegal in die USA gehen und in der Schattenwirtschaft des Grenzgebiets genug Geld verdienen, um seine Familie zu unterstützen. Und da der Einfluss der mexikanischen Gangs weit reicht, kann es nicht schaden, sich im Heimatdorf schon einmal ihrer Hilfe zu versichern.

Danny ist der großmäulige Anführer der lokalen Gang, er ist aber auch der Freund von Valentina, der Tochter von Mateos Patenonkel Marcos, der gerade aus den USA zurückgekehrt ist. Die familiären Verbindungen verlaufen eng in der kleinen Dorfgemeinschaft in Oaxaca, in der das Wort des Familienältesten noch immer Gewicht hat.

Die Gangs bilden zu dieser ärmlichen Lebenswelt eine verlockende Parallelstruktur, die eher an einen Hollywoodfilm erinnert (oder ein Stück Gangsterrap). Mateo steht irgendwo dazwischen. Seine Familie unterstützt die gefährliche Reise nach Los Angeles finanziell, in der fremden Stadt ist er aber auf Dannys Schutz angewiesen. Vorher muss sich Mateo allerdings noch seine drei Punkte verdienen. Diese Prüfungen fordern einen hohen Preis.

Damian John Harpers Regiedebüt Los Ángeles ist eine Sozialstudie, die sich als Genrefilm ausgibt. Anders als in Amat Escalantes hartem Drama Heli geht es Harper nur vordergründig um die Gangkultur, was sich etwa daran erkennen lässt, dass Harper gleich in der Eröffnungsszene die Gewalt ins Off verlagert. Sein Film beginnt im Dunkeln, zu hören sind die Geräusche eines Kampfes. Danny und seine Homies nehmen Mateo in die Mangel: der erste Test, den der Junge bestehen muss. "Du bist mutig", sagt Danny später aufmunternd. "Nicht wie dein Scheißvater." Mateo ist in eine Doppelrolle gezwungen. Sein Vater ist vor Jahren über die Grenze abgehauen und hat die Familie im Stich gelassen. Nun hat der Sohn den Verlust doppelt auszubaden. Er trägt die Verantwortung für seine Mutter Lidia und kassiert gleichzeitig Prügel für den Vater, um sich den Respekt der Gang zu verdienen.

Los Ángeles führt zwei Migrationsgeschichten zusammen, die sich um den Sehnsuchtsort jenseits der Grenze drehen: Marcos versucht nach seiner Rückkehr im Dorf wieder Fuß zu fassen, Mateo trifft letzte Vorkehrungen für seine Abreise. Der Patenonkel hat tolle Geschichten aus Kalifornien mitgebracht, aber die Realität zuhause sieht anders aus. Die Jahre im Ausland haben ihn vom Leben im Dorf entfremdet, unter dem Matriarchat der Frauen übt Marcos keinen Einfluss mehr aus. Nicht nur Danny und seine Gang tanzen ihm, dem Gemeindevorsitzenden, auf der Nase herum – auch in seiner Familie hat er nichts mehr zu melden. "Wärst Du nur in Amerika geblieben", wirft ihm seine Frau vor. "Ohne dich war alles einfacher."      

So legt Harper mit seinen unaufdringlichen Alltagsbeschreibungen Stück für Stück das Beziehungsgeflecht innerhalb des Dorfes offen, gegen das sich Danny und seine Gang in letzter Konsequenz stellen. Denn die zweite Prüfung für Mateo berührt unmittelbar das Kraftzentrum der Gemeinschaft: Er soll das Geld der Kirchengemeinde stehlen. Es ist ein kriminelles Delikt, mehr noch aber ein symbolischer Akt, durch den sich der Junge aus der Gemeinschaft ausgrenzt.     

Harper bedient mit seinem schonungslosen Realismus eine Ästhetik, die sich im aktuellen Weltkino, wenn es Geschichten aus den Ländern des globalen Südens erzählt, als Ausweis untrüglicher Authentizität verkaufen lässt. In den Filmen von Jean-Pierre und Luc Dardenne diente die wackelige Handkamera noch als Kontrastmittel zwischen peripheren sozialen Milieus und einer Gesellschaft, die weniger privilegierten Menschen die Solidarität verweigerte. Ihre unruhige Mobilität war ein formaler Schulterschluss mit den um Würde ringenden Protagonisten. Inzwischen ist sie nur noch ein ein Klischee, mit dem Actionkino und Sozialdrama gleichermaßen Unmittelbarkeit vortäuschen können. Harper entdeckt in diesem Stilmittel wieder eine soziale Brisanz. Die Handkamera simuliert hier nicht Aktion, sie erzeugt stattdessen einen organischen Rhythmus: Es scheint, als würden die Bilder unter der körperlichen Anspannung zittern. Besonders schön ist das in der Szene zu sehen, in der Mateo das Geld der Gemeinde klaut und für eine Minute aus dem Bild verschwindet, während die Kamera im Kirchenraum auf seine Rückkehr wartet.    

Authentizität versichert sich Los Ángeles vor allem durch seine Laiendarsteller, die Harper, der selbst eine Weile in Oaxaca gelebt hat, seit Jahren kennt. Dieses kulturelle Verständnis ist wohl auch ausschlaggebend dafür, dass Harper ein anderes Mexiko-Klischee vermeidet, das in den westlichen Medien und der Popkultur (etwa der HBO-Serie Breaking Bad oder Oliver Stones Savages) seit einigen Jahren Verbreitung findet: die Brutalität der mexikanischen Gangs. Danny bleibt eine ambivalente Figur, aber er bleibt auch in die Dorfstrukturen eingebunden. Gerade in Szenen, in denen diese Verbundenheit deutlich wird, entwickelt Los Ángeles große Überzeugungskraft.